10.11. - Auch der Strich ist nicht getürkt

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Comingout25jahre

 “Die Mauer ist offen. Das Coming out war in jeder Hinsicht perfekt. Die Wirklichkeit hatte die Kunst überholt.” 

(Lothar Bisky, ehemaliger Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) im Gespräch mit dem “Freitag” am 03.11. 2009, Erinnerungen an die Premierenfeier zu einem der letzten DEFA Spielfilme
dem Film „Coming Out“ von Heiner Carow  im Berliner Szenelokal “Burgfrieden”)

10.11.2013 | 25 Jahre COMING OUT von Heiner Carow - Film und Gespräch

18:00 - Filmvorführung "Coming out" (DDR 1989, R: Heiner Carow)

20:00 - Gespräch mit Erika Richter (Dramaturgin des Films) und Volkmar Schöneburg (Justizminister Land Brandenburg)

Louisen-Henrietten-Stift, Benkertstraße 1, 14467 Potsdam

Veranstaltung auf Facebook

 


 

Ein Beitrag zur Erinnerungskultur von Schwulen und Lesben in den letzten Jahren der DDR ist die Geschichte um die Vorbereitung und die Produktion des Films “Coming Out” von 1988 /9. Der DEFA - Spielfilm“Coming Out” steht in der klassischen Tradition der Aufklärungsfilme. Die längst überfälligen gesellschaftlichen Mißstände der ehemaligen DDR werden aufgegriffen und zur Diskussion gestellt. Zudem ist er auch einer der letzten Filme der zusammengebrochenen Gesellschaft der DDR. Dieser Gegenwartsfilm entstand im Herbst /Winter /Frühjahr 1988 / 89. Der Film hatte seine Premiere am 9. November 1989, zu einem in mehrfacher Hinsicht historischen Datum.” (Pogromnacht, Öffnung der Mauer)

Mitte der 80er Jahre erlebten Homosexuelle eine streng und vielfältig, beobachtete, erste Toleranz hinter vorgehaltener Hand, einerseits durch die tragende sozialistische Gesellschaft der DDR und andererseits durch das Ministerium für Staatssicherheit.  1969 wurde im Rahmen einer Nachtsitzung der Volkskammer der DDR der Paragraph 175 aus dem Strafgesetzbuch der DDR aufgehoben. Der Paragraph war als Übernahme aus dem 19. Jahrhundert von 1869 an rechtsverbindlich und wurde verschärft 1935. In der Gesellschaft der DDR war das wenig bzw. gar nicht öffentlich bekannt. In der damaligen Bundesrepublik Deutschland wurde der Paragraph 175 zwar entschärft, blieb jedoch bis 1994 gültig. Der Parapraph 175 im kaiserlichen Strafgesetzbuch, in der Fassung von 1869 lautet: “Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.” (1) Zur Begründung des Strafmaßes hieß es damals aus dem Reichstag: “Das Rechtsbewußtsein im Volke beurteilt diese Handlungen (widernatürliche Unzucht zwischen Personen männlichen Geschlechts) nicht bloß als Laster, sondern als Verbrechen.” (2) Das juristische Strafmaß hat bei hohen Geldstrafen bis hin zu 5 Jahren Freiheitsentzug (Haft) gelegen. Während der NS - Zeit galt auch hier die juristische Devise, Zwangsarbeit, medizinische Experimente, bis hin zur Todesstrafe, oder einfach “Rückkehr unerwünscht.”

Der amerikanische Journalist Dennis M.Sweet schrieb Anfang der 90er Jahre in der Zeitschrift “Film und Fernsehen” in einem Beitrag “die DEFA und ihre “anderen”, Heiner Carows “Coming out” als Coming Out der “anderen”:  “Anstatt “Coming Out” (den Film) als Appell für das Coming Out einer weitgehend unbeachteten Minderheit im Sozialismus zu sehen, identifizierten sich die DDR-Bürger massenweise im letzten Herbst 1989, der Zeit der Massenausreise und Massendemonstrationen, der politischen Enthüllungen, des Überschwangs und der sich anschließenden Wiedervereinigung mit einer anderen Botschaft, die der Film transportierte. Jeder in der sich bald verabschiedenden DDR war jetzt ein “anderer”, um eine neue Identität kämpfend. Die Botschaft um sozialistische Integration der “vergessenen Schwulen”, hatte sich verwandelt in eine Parabel um die Integrität des einzelnen und den Kampf um Selbstverwirklichung. Eines Tages wachten die Ostdeutschen in einem fremden Land auf, ohne umgezogen zu sein. Nun waren sie die “anderen” und waren daran interessiert, in einem Film einen “anderen” zu sehen.” Einem Blick in die Akten und Unterlagen des Bundesarchivs ist zu entnehmen, dass die Dramaturgengruppe für den Spielfilm “Coming Out” um Erika Richter, für den Spielfilm 3 Gutachten eingeholt hat. (3)

Hierbei ist es für den zeithistorischen Kontext wichtig, noch zu erwähnen, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) der UNO, bis Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, Homosexualität im Krankheitsregister geführt hat. In der damaligen DDR hat die gesellschaftliche Realität gezeigt, dass Homosexuelle sich lediglich in wenigen kirchlichen Gemeinderäumen, in wenigen Parkanlagen (zur sexuellen Begegnung- Cruising)  und in wenigen ausgesuchten Orten der Szene getroffen haben. All das geschah unter der perfiden Beobachtung einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von geworbenen informellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit. In den Begegnungen der Gruppen war es immer wieder offensichtlich, dass irgendwo ein Mitarbeiter der Staatssicherheit zugegen war. “Horch und Guck ist wieder mit dabei.” Diesen Spruch haben sich damals viele Akteurinnen und Akteure zu Eigen gemacht. Die gesellschaftliche Entwicklung in der DDR hatte seit der Ausbürgerung von Wolf Biermann im Jahre 1978 und in der Folge dieser Ereignisse eine Art, zaghaften Ausbruch eines Staates in Mauern (damals antifaschistischer Schutzwall bezeichnet). Die Sehnsucht nach einer “offenen” Gesellschaft “mit weniger Ausgrenzung und Diskriminierung” war stets präsent und suchte sich selbst im “perfiden System der Staatssicherheit” den Weg in die Öffentlichkeit.

Bei den Recherchen hat sich ergeben, dass Heiner Carow bereits 1982 gemeinsam mit dem Autor Rolf Richter den Spielfilm „Paule Panke“ inszenieren wollte. Im Archiv der Akademie der Künste wurde das Szenarium gefunden. Der Film wurde nie produziert, weil einige Szenen, zum Opfer der „damaligen Zensur“ geworden sind. In einer bemerkenswerten Szene trifft der Sohn des Wirtschaftsstaatssekretärs, einen Mann, der sich gern in seiner Wohnung in Frauenkleidern aufgehalten hat. Es kann vermutet werden, dass „die Zensur“ des Szenariums „Paule Panke“, eine wichtige Inspirationsquelle für Heiner Carow gewesen ist, um später mit dem Autor Wolfram Witt, das Szenarium für den Spielfilm „Coming Out“ zu realisieren. Ohne die beschriebenen Szenen aus dem Szenarium von „Paule Panke“ hat Wolfgang Herzberg und die Ostberliner Rockgruppe Pankow  1982/83 ein gleichnamiges Musical geschrieben und produziert, was dann in den Jugend- Theatern der ehemaligen DDR erfolgreich zur Aufführung gebracht wurde.

Heiner Carow über seinen Film: „Der damalige DEFA-Direktor (Hans Dieter Mäde) sagte, solange er Direktor dieses Studios ist, wird ein solcher Film bei ihm nicht gedreht. Dennoch schrieben Wolfram Witt und ich das Drehbuch ohne Vertrag und holten uns Gutachten von einem Psychiater, einem Rechtswissenschaftler und einem Soziologen ein. Diese legten wir ins Drehbuch und gaben es ab. Der Rechtswissenschaftler hatte geschrieben, welche Rolle die KPD in den dreißiger Jahren in der Frage der Abschaffung des Paragraphen 175 spielte und daß Thälmann im Reichstag für die Abschaffung des Paragraphen war und daß es eine große Solidarität zwischen Schwulen und Kommunisten in den KZs gab. Trotzdem versuchte Mäde, den Film zu verschleppen. Aber ich schoß das Drehbuch über die Akademie der Künste bis zu Kurt Hager hoch. Aufgrund der Gutachten konnte er den Film unmöglich ablehnen.“ Während der Dreharbeiten gab es weitere Widerstände von außen: Der damalige S-Bahnchef wollte ursprünglich eine Szene mit jungen Neonazis in der S-Bahn nicht genehmigen.  Daraufhin drehte Heiner Carow die Szene provokativ so, dass die Neonazis am Marx-Engels-Platz ausgestiegen sind. Auch das Schauspielhaus sträubte sich dagegen, dass der Film zeigt, welche großen Menschenschlangen sogar über Nacht für Theaterkarten anstehen. (4)

 


Die Veranstaltung des Bündnis Faires Brandenburg e.V. wird finanziert mit Lottomitteln des ministeriums für Arbeit, Soziales, Familie und Frauen. Für das Projekt ist Uwe Fröhlich (Referent, Arbeitskreis Amico (queeres Gedächtnis Brandenburg) verantwortlich. Kontakt über 0170 684 99 75 und/oder Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.


 (1) vgl. Hundert Jahre schwul, eine Revue, Rowohlt Verlag 1997, Elmar Kraushaar (Hrsg.), das Ende der Gewissheit, S. 12, von Elmar Kraushaar (2) vgl. Volker Beck, erster parlamentarischer Geschäftsführer von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN in seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung “Ausgrenzung aus der Volksgemeinschaft. Homosexuellenverfolgung in der NS - Zeit, Deutscher Bundestag, Berlin, 2006 (3) Gesellschafts- und Rechtsfragen, Jugend- und Sexualforschung, Psychiatrie und Neurologie) (4)  vgl. Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg.): Spur der Filme. Zeitzeugen der DEFA

 

 

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