Noch ein Szene - Treff schließt

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(Gaybrandenburg – communityTicker) Für viele Gäste völlig überraschend, hat Betreiberin Christiane Baehrend die Schließung des sehr beliebten Lapis Lazuli in einem Interview mit der Märkischen Allgemeinen Zeitung bekanntgegeben.

Als Grund gibt sie die negative Umsatzentwicklung im Holländischen Viertel und der gleichzeitigen Steigerungen durch den Staffelmietvertrag an. Damit kann man nicht mehr Schritt halten, so die Betreiberin. Als Alternativstandort hat das Team des Lapis Lazuli Potsdam West auserkoren. In der Lennéstraße/ Ecke Sellostraße will man weiter Tagesgerichte und kleine lukullische Genüsse anbieten.

 

Inwieweit das Publikum an die Zeiten im Lapis Lazuli im Holländischen Viertel anknüpfen kann, vermag man vorerst nicht sagen. Gerade im Zusammenhang mit dem Leander 100 Meter weiter, war „Potsdams kleine Meile“ bei Lesben und Schwulen sehr beliebt. Tagsüber bei kleinem Salat und intellektuellen Gespräch im Lapis den schicken Team - Mitarbeiter_innen nachträumen und am Abend und in der Nacht im Leander das bunte Treiben genießen. Natürlich war in beiden Läden, deren Mitarbeiter_innen langjährig befreundet waren, jeden Sommer das große Touristengucken angesagt.

Mit der jetzigen Entwicklung ist man im Leander überhaupt nicht glücklich. Auf die Frage, ob man nicht froh sein müsste, nunmehr konkurrenzlos zu sein, entgegnete Vorstand Achim Wiegel vom Betreiber Queer im Viertel e.V.: "Nein, im Gegenteil. Mit der Schließung des Lapis Lazuli verlieren wir im holländischen Viertel einen wichtigen Partner und ein weiteres Stück Vielfalt - schließlich sind viele Gäste nach dem Lapislazuli noch ins Leander gegangen oder haben sich erst im Leander verabredet um dann in der liebevoll Lapis genannten Gaststätte Essen zu gehen." Man befürchtet, dass nun einige Gäste wegen der geringeren Abwechslung in Potsdam gleich nach Berlin fahren und somit auch für das Leander verloren gehen.

Viele Potsdamer bedauern den erneuten Einschnitt in die Szenelandschaft der Landeshauptstadt und befürchten nun das Szenegastronomie in Potsdam und Umgebung bald Geschichte sein könnte. Die Liste der geschlossenen Adressen homosexuellen Lebens ist lang: - Das Canapé ist jetzt Geschichte, - In der Unscheinbar wechselte der Betreiber, die queere Klientel ist nicht mehr so häufig zu sehen. - das von AndersARTiG e.V. betriebene ComeIn Café hat schon lange seine tägliche Öffnungszeit eingestellt. Auch einige Einrichtungen mit schwulen oder lesbischen Betreibern wurden im letzten Jahr geschlossen. So dass Quartier in der Potsdamer Innenstadt und das kleine Waldlokal in Uetz Paaren. Auch dass Leander, stand zwischenzeitlich zweimal vor der Schließung. Szene Adé?

 

Meine Meinung -  Carsten Bock
Die Frage ist, warum dieser Trend schon seit Jahren anhält? Ist denn Szenegastronomie völlig überflüssig? Sicher, die Zeiten haben sich in sofern verändert, dass die typische Nutzung der Szenegastronomie zum gegenseitigen Kennenlernen oder zum Daten in einigermaßen sicherem Rahmen ohne Angst vor zuviel Öffentlichkeit, nicht mehr notwendig ist. Heute verabredet man sich schnell und relativ sicher bei gayromeo, gayroyal, lesarion oder barebackcity im Internet, ohne dass man zuviel Angst vor einem Outing in der Öffentlichkeit haben muss. Für diesen Teil ist die Szenegastronomie nicht mehr zuständig. Auch gehen einige der früher regelmäßigen Gaststättenbesucher heute alters- oder einkommensbedingt nicht mehr so oft weg.

Trotzdem verabredet sich Potsdams Homosexuelle Jugend über Jappy, Facebook oder MySpace um dann bei Karaoke im Gutenberg 100 zu feiern oder zur N8Schicht im Koschuweit abzutanzen oder sie verbringt die Nacht im Leander.

Nach Erfahrungen vor allem des Leander – Teams haben schwule und lesbische Jugendliche das regelmäßige Bedürfnis, sich außerhalb der zumeist elterlichen Wohnung zu treffen und weggehen zu wollen. Gerade in der Zeit des Coming Out wird gerne auf die Erfahrungen, das Selbstvertrauen und die Selbstsicherheit zurückgegriffen, die ihnen ein selbstverständliches schwules- oder lesbisches (Vor-)Leben in der Öffentlichkeit vermittelt. Oft ist dann die Szenegastronomie auch der erste Ansprechpartner für homosexuelle Jugendliche. Sprich mit der vorgenannten Szenegastronomie die jetzt danieder geht, fehlen auch Identifikationspunkte, die für eine lebensvielfältige Stadt so wichtig sind.

Beratungsangebote wie z.B. die Schwulen- oder Lesbenberatung in Berlin sucht man aber in Potsdam vergebens. Auch eine klassische Coming Out – Jugendgruppe kann die Landeshauptstadt nicht bieten. Das für Gruppentreffen eingerichtete Come In – Café liegt seit Monaten brach. Und genau hier liegt die Crux. Mit dem fehlenden Zusammenspiel von Szenenahen Einrichtungen und Gruppenarbeit zu Themen wie Coming Out oder Ausgehgruppen für schwule und lesbische Jugendliche kann sich queere Lebensvielfalt in einer Stadt nicht durchsetzen.

So erreichen Vereine wie die Aidshilfe Potsdam deshalb Qualität in der Beratung, weil diese von hauptamtlichen und ausgebildeten Sozialarbeiterinnen getragen wird. Dabei ist hier wieder einmal die schwule Klientel, zumindest was die Beratung von Schwulen für Schwule auf ehrenamtliche Arbeit Einzelner angewiesen. Bei der Nutzung des Beratungsangebotes der AHP stellen Frauen rund die Hälfte aller Klientenobwohl auch in Brandenburg in weniger als 20% Fälle von HIV betroffen sind. Das heißt im Umkehrschluss für HIV - Positive Männer, das das Beratungsangebot nicht adäquat angepasst ist. Dabei fordert die Deutsche AIDS - Hilfe (DAH) eine peergruppenorientierte Beratung innerhalb der jeweiligen Zielgruppe.

Das was fehlt ist eine Jugendsozialarbeit und eine zielgruppenspezifische Gruppenarbeit für Homosexuelle die sowohl qualitativ und finanziell nicht zum Nulltarif zu haben sind. Diese Arbeit muss sich an ein Zusammenspiel von modernen Lebensrealitäten, qualifizierten Hilfs- und Beratungsangeboten und queerer Lebensvielfalt orientieren. Dann kann sich auch Szene entwickeln.

Carsten Bock ist Sprecher des Vereines Katte e.V., Bundessprecher des AK Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender bei Ver.di.

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