Sieh das mal positiv Alter!

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schranzAlter assoziieren wir oft mit Gebrechlichkeit, Einsamkeit und Verlust. Als wir den Kongress vorbereitet haben, waren das auch unsere ersten Assoziationen. Aber je mehr wir das Gespräch gesucht haben mit Menschen, die mit HIV älter und alt werden, um so mehr ist uns deutlich geworden, dass diese Menschen neben dem Verlust auch eine große Bereicherung durch iihr Älterwerden erleben und oft ganz viel Freude an ihrem Leben haben. Wir wollen versuchen, diese unterschiedlichen Aspekte im Kongress zu zeigen und laden Sie vor allem zu den beiden Kaleidoskop-Veranstaltungen heute und morgen ein, bei denen wir speziell diese Erfahrungen fokussieren werden.

Wichtige Jahrestage fallen in dieses Jahr. Die Berliner AIDS-Hilfe wurde vor 25 Jahren gegründet und im AVK wurde vor 25 Jahren mit der Behandlung des ersten AIDS-Patienten das Schöneberger Modell entwickelt.


Wer hätte damals, 1985, gedacht, dass im Jahre 2010 ein freundlich blickender alter Herr das Plakat für einen AIDS-Kongress zieren würde, damals, als vor allem junge Männer erkrankten, die meist auch jung starben. Die Zeiten haben sich verändert und die Krankheit ihr Gesicht. Auch die Geschichten haben sich verändert. Nur noch wenige Geschichten erzählen vom Sterben. Wir haben eben in der Schweigeminute an all die Menschen gedacht, die an AIDS verstorben sind, an all die Freundinnen und Freunde, die wir verloren haben. Für viele von uns ist dieser Verlust auch heute noch eine Wunde, die schmerzt. Immer noch vermissen wir die, die uns so wichtig waren.

Heute kennen junge HIV-positive Menschen meist niemanden mehr, der an der Krankheit verstorben ist. In der Regel geht es heute um das Leben. Egal ob für Junge oder für Alte, es geht darum, so viel wie möglich teil zu haben am Leben, dabei zu sein, gebraucht zu werden, glücklich zu sein. Aber das ist oft viel schwerer als gedacht.

Mit der heutigen antiretroviralen Behandlung kann die Vermehrung des Virus gestoppt werden. Die Helferzellen normalisieren sich wieder. Und der Arzt ist zufrieden. Das Leben ist damit noch lange nicht normal. Zum normalen Leben gehört die abgeschlossene Ausbildung, gehört der Beruf, die Arbeit, gehört eine Partnerschaft, gehört lebendige Sexualität. All das ist auch heute für einen Menschen mit HIV keine Selbstverständlichkeit. Die Medikamente können das Leben retten, aber sie haben ihren Preis. Sie haben Nebenwirkungen, die den Alltag beeinträchtigen und im Berufsleben ein Hinderniss sein können.

Viele Menschen mit HIV sind gut ausgebildet, engagiert und ziemlich fit. Aber eben nur ziemlich. Ziemlich heißt nicht ganz. Und wer heute im Berufsleben mithalten will, wird ganz gefordert. Ganz oder gar nicht. Das sind hohe Anforderungen an einen Menschen, der an einer chronischen Krankheit leidet und Menschen mit HIV fühlen sich dieser Anforderung oft nicht gewachsen.

Was macht man aber mit jemandem in den besten Jahren, gut gebildet, bestens motiviert, der keine 8 oder 10 Stunden am Tag arbeiten kann? Oder zumindest nicht jeden Tag. Der mal gute, mal schlechte Tage hat. Der hochkompetent in seinem Fach ist aber vielleicht mal für einige Zeit ausfällt, wenn es ihm schlecht geht.

Unsere Gesellschaft bietet darauf keine Antwort. Ganz oder gar nicht. Es gibt keine flexiblen Arbeitsmodelle, kaum integrative Strukturen. Immer noch viel zu viele Menschen werden dadurch in die Dauerkrankschreibung, in die Berentung, in Hartz IV oder in die Grundsicherung abgeschoben. Gerade für das Älterwerden ist die Einbindung ins Berufsleben aber besonders wichtig. Im Beruf erlebe ich Herausforderung und Bestätigung, begegne ich Menschen, tausche mich aus und erweitere meinen Horizont. Ich bleibe lebendig, geistig beweglich, fühle mich gebraucht. Ganz abgesehen davon, dass ich mir als berufstätiger Mensch andere Dinge leisten kann und die Grundlagen für einen finanziell gesicherten Ruhestand schaffe. Dies alles geht oft mit dem vorzeitigen Ende der Berufstätigkeit verloren. Es erstaunt mich, wie schnell wir alle bereit sind, diesen Verlust zu akzeptieren, als Gesellschaft und als Betroffene. Brauchen wir denn als Gesellschaft diese Menschen, ihre Erfahrungen und ihre Kompetenz nicht mehr? Und bin ich als Betroffener bereit, diesen einschneidenden Verlust an Lebenssinn und -inhalt hinzunehmen?  Will ich mich mit einer knappen Rente abfinden und mir dann vielleicht die fehlende Bestätigung in rauschhaften Erlebnissen in der Berliner Sex- und Partyszene holen?'

Manchmal vermisse ich den Willen zum Widerstand. Vielleicht kann man ihn vom Einzelnen nicht erwarten. Der Einzelne sucht oft den Weg, der am leichtesten gangbar erscheint, vor allem, wenn er krank ist. Aber wo bleiben unsere institutionalisierten Selbsthilfevertreter, wo eine klare Position der AIDS-Hilfen? Es wird viel über Ausgrenzung und Stigmatisierung von Menschen mit HIV gesprochen. Manchmal ist es bequem, sich ausgrenzen zu lassen. Eine Rente sichert das Überleben. Das ist wichtig für einen Menschen, dessen gesundheitliche Zukunft ungewiss erscheint. Oft ist sie aber eine Sackgasse, die den Weg zurück ins Berufsleben versperrt und eine berufliche Perspektive für immer verhindert.

AIDS ist in die Jahre gekommen. Wer hätte zu hoffen gewagt, dass wir heute, 25 Jahre nach der Gründung der Berliner AIDS-Hilfe, über die beruflichen Perspektiven von Menschen mit HIV diskutieren? Völlig andere Dinge haben uns damals bewegt. Anlässlich des 25jährigen Gründungsjubiläums werden wir bei HIV im Dialog über diese frühe Zeit mit Konrad Möckel und mit Gerd Paul sprechen, unseren diesjährigen ReD-Award-Preisträgern und zwei wichtigen Akteuren der ersten Stunde. Bei der Erinnerung an diese Zeit ist mir noch einmal deutlich geworden, wie heftig und leidenschaftlich in der AIDS-Hilfe-Bewegung von Anfang an gestritten wurde. Welche enormen Emotionen da entfacht wurden, wie erbarmungslos sich Menschen gegenseitig begegnet sind, die doch alle eigentlich dasselbe wollten. Auch heute erlebe ich Konflikte innerhalb der AIDS-Hilfe-Bewegung und auch bei uns in der Vorbereitung dieses Kongresses, die mit einer Aggressivität und Vehemenz geführt werden, die sowohl den beteiligten Menschen als auch der Sache nicht gerecht werden. Wenn wir uns ehrenamtlich engagieren, dann ist da viel Herzblut in Spiel, viel Temperament, viel Kränkbarkeit. Wir tun etwas, weil wir daran glauben und nicht, weil wir dafür bezahlt werden. Um so mehr kämpfen wir für das, was wir für richtig halten. Aber laßt uns nicht vergessen, dass es nicht um unser eigenes Ego geht sondern um die gemeinsame Sache, das gemeinsame Ziel.


Ich wünsche mir sehr, dass wir sachlicher und professioneller werden in der Kommunikation mit einander. So wie wir professionell sind in unserer täglichen Arbeit. Diese Professionalität und die enorme Fülle an Kompetenz in unseren Reihen brauchen wir in der Selbsthilfe und wir brauchen sie in den beruflichen Zusammenhängen in dieser Gesellschaft. Der HIV-positive Mensch soll kein Frührentner mehr sein sondern integriert innerhalb der Gesellschaft und innerhalb des beruflichen Alltags. Dann kann er auch zufrieden alt werden.

Es gibt eine Menge zu diskutieren. Dazu laden wir sie herzlich ein. Ich freue mich, dass Sie hierher gekommen sind, freue mich auf zwei Tage lebhafter Gespräche und wünsche uns allen einen erfolgreichen Kongress HIV im Dialog 2010.

Redemanuskript Dr. Schranz anlässlich von HIV im Dialog 2010

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