Verdi: Homophobie in Feuerwehren

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(Gaybrandenburg – Redaktion)
  Wenn es brennt, in Brandenburgs Wäldern, kann es manchmal dauern bis Feuerwehren den Kampf gegen die Flammen aufnehmen. Schuld daran sind neben der mangelnden technischen Ausrüstung, die immer weniger werdenden märkischen Brandbekämpfer. Die Berufs- und Freiwilligen Feuerwehren im Märkischen leiden zunehmend unter dem demographischen Wandel. Umso mehr ist man auf den Nachwuchs angewiesen. Der Landesverband der Jugendfeuerwehren zählt mit seinen ca. 16.000 Mitgliedern zu den größten freien Trägern der Jugendarbeit in Brandenburg. Er sieht sich als moderner und zukunftsorientierter Landesverband für Kinder und Jugendliche im Alter von 10 – 18 Jahren.

  Neben der Ausbildung in Brandbekämpfung, bieten die Jugendfeuerwehren vor Ort auch Freizeitspaß. Für schwule Jugendliche ein Muss sich hier zu engagieren. „Bevor man mich in die Fußballmannschaft zwingt und ich mich dort total blamiere, gehe ich lieber zur Feuerwehr. Hat irgendwie mehr mit Menschen zu tun“ meint Andreas (20 Jahre). Aber outen würde er sich nie: „Ich fürchte, dass ich immer noch auf Widerstand bei uns im Dorf im Allgemeinen und der Feuerwehr im Besonderen stoßen werde, wenn dort meine Sexualität zur Sprache kommt. Ich werde dann vielleicht meine sexuelle Identität verleugnen, um Nachteilen aus dem Weg zu gehen.“

„Oftmals versuchen schwule und lesbische Jugendliche die negativen Gefühle und Probleme der erwachenden Homosexualität entweder mit Aktivismus zu verdrängen oder die vermeintliche Minderwertigkeit auszugleichen. Sofern sie dabei auf eine offene und tolerante Feuerwehrführung stoßen, sind sie dort auch gut aufgehoben. Wenn nicht, kann dieses die Frustration noch verstärken und führt dann zu einer verstärkten Abwanderung in die Städte oder nach Berlin.“ meint Carsten Bock. Der 37jährige berät online schwule Jugendliche und Männer für die Aidshilfe Potsdam und den Brandenburger Katte e.V. Bock ist auch Bundessprecher des AK LSBT bei Verdi. Auch die Gewerkschaft und der AK macht sich Sorgen um die Minderheit. Wir haben hier ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Über diese spricht er in einem Interview mit Gaybrandenburg:

Wie beurteilt ver.di die Situation homosexueller Feuerwehrleute in Deutschland?
Es gibt große Unterschiede zwischen den Berufsfeuerwehren und den Freiwilligen Feuerwehren. Bei den Berufsfeuerwehren gibt es relativ wenig Auffälligkeiten. Lesben und Schwule werden, sofern geoutet, regelmäßig anerkannt und sind gut integriert. Mobbingfälle kommen nur sehr vereinzelt vor.

Allerdings lässt sich in letzter Zeit doch beobachten, dass oftmals die Unterstützung der Lesben und Schwulen durch die Feuerwehrführung wieder nachlässt. Vor einigen Jahren war es noch „schick“ als  toleranter Arbeitgeber des öffentlichen Dienstes zu gelten. Entsprechende Berufsgruppenkreise wurden aktiv unterstützt – als diese noch eine Minderheit galten bzw. solange sie nicht zu fordernd auftraten.
Seit auch Lesben und Schwule selbstbewusst dieselben Rechte einfordern, wie ihre heterosexuellen Mitbürger, bekommen diese in den Feuerwehren immer öfter zu hören: "Ihr habt doch schon alles erreicht"; oder "Was wollt ihr denn noch?" Unter fadenscheinigen Argumenten wurde ihnen z.B. in Berlin die Beteiligung mit eigenem Feuerwehrfahrzeug am CSD verboten. Auch eigene Veranstaltungen werden gerne in den Räumen der Feuerwehr untersagt.

Die Situation bei den Freiwilligen Feuerwehren ist anders?
Nach unseren Beobachtungen sind Lesben und Schwule bei den freiwilligen Feuerwehren in ländlichen Gebieten überproportional vertreten. Der vermeintliche Nachteil der „Homosexualität“ soll hier durch 200% Leistung, z.B. für die Dorfgemeinschaft im Rahmen der Feuerwehr wieder ausglichen werden. Viele Betroffene hoffen in der sozialen Gemeinschaft der freiwilligen Feuerwehr ein Klima der gegenseitigen Achtung und des Respekts zu finden. Anerkennung durch das Lebensumfeld über soziale Kompetenz – ist das Rezept zum Überleben für viele Lesben und Schwule.

Wie geht Ver.di mit Betroffenen von Mobbing um?

Wir sind als Arbeitskreis bei Ver.di Ansprechpartner für viele Kollegen und Kolleginnen deutschlandweit da. Es gibt äußerst unterschiedliche Erfahrungen die wir in unserer Beratung machen. Mobbing auf Grund der sexuellen Identität des kollegen oder der Kollegin, kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. Da muss man in der Beratung und in der Konfliktlösung sehr gut unterscheiden können.

Bei unseren Erfahrungen in der Beratung, fallen Lesben und Schwule bei den freiwilligen Feuerwehren deutlich auseinander. In fast allen Beratungsfällen, in denen Lesben um Hilfe bitten sind die Konflikte am Arbeitsplatz mit Auseinandersetzungen, die innerhalb einer lesbischen Beziehung ausgetragen werden, verbunden. Diese wirken sich dann potenziert auf das Arbeitsumfeld aus. Es kommt darauf, diese Auseinandersetzungen genau zu analysieren.

Hinzu kommt dass die lesbische Kollegin vom Team eher als „starke Frau“ wahrgenommen wird. Folgerichtig nehmen sich lesbische Kolleginnen eher als akzeptiert und anerkannt wahr.

Bei den Schwulen als den vermeintlich "Schwachen" sieht das ganz anders aus. Hier kommt es sehr oft zu verbalen Ausfällen und Verleumdungen. Die permanente Verächtlichmachung schwuler Identität mündet oft in jahrelangem Mobbing.

Was können jeweilige Vorgesetzte oder Vertrauensleute in einer schwierigen Situation tun.
Wenn die Feuerwehrführung dieses erkennt und konsequent einschreitet bzw. in offenem Gespräch mit allen Beteiligten die Handlungen des Einzelnen analysiert so dass diese selbst die Sinnlosigkeit ihres Tuns erkennen, dann ist es möglich dieses zu verhindern. Sofern aber die Leitung der Feuerwehr entweder selbst in die Handlungen der Täter eingebunden ist bzw. dieses aktiv unterstützt um den „vermeintlichen Querulanten“ loszuwerden oder passiv gewähren lässt, ohne einzuschreiten, bleibt oft nur ein Wechsel z.B. zu anderen Rettungskräften, wie dem DRK o.ä.

Die Situation von Schwulen und Lesben in der Feuerwehr oder anderen "Rettungskräften" ist doch wesentlich besser als bei z.B. der Polizei, dem Zoll oder der Bundeswehr.
An erster Stelle liegt das daran, dass gegenüber den Betroffenen/Opfern immer eine gewisse Grundhöflichkeit erwartet und verlangt wird, die sich auch auf das Verhältnis innerhalb der Feuerwehr oder Rettungskräfte überträgt. Mobbing von Lesben und Schwulen bei den Feuerwehren, findet zumeist bei den ehrenamtlichen Kräften bzw. den freiwilligen Feuerwehren statt. Bei Polizei, Zoll und Bundeswehr kommt es wesentlich häufiger zu Mobbing auf Grund der Homosexualität. Das liegt zum einen daran, dass die sogenannte "Eingriffsverwaltung" also Menschen die in die Lebensbereiche anderer eingreifen dürfen, dieses Recht oftmals so verinnerlicht haben, dass dieses auch gegenüber den eigenen Kollegen angewandt wird. Zum anderen verhindert der in diesen Bereichen praktizierte Chorpsgeist, dass Mobbingfälle schnell aufgeklärt bzw. von Vorgesetzten verhindert werden können.

Die Unterstützung der Gewerkschaft ver.di für homosexuelle Feuerwehrleute ist sehr unterschiedlich.
Das reicht von der Rechtsberatung und Betreuung im Fall von Mobbing oder Kündigung über offene Beratungsangebote in Form von Arbeitskreisen wie z.B. in Frankfurt am Main bis zur Unterstützung bei Aktionen oder Veranstaltungen, wie z.b. in Berlin beim CSD zusammen mit den schwulen Rettern oder thematische Veranstaltungen im Rahmen des Landesjugendcamps der Feuerwehren Brandenburgs.

Außerdem stehen in den Sekretariaten der Berufsgruppen und den ver.di Vertretern in den Personal- und Betriebsräten auch immer Kolleginnen und Kollegen zur Information, zur Vermittlung und zu Gesprächen zur Verfügung, die mit den Geflogenheiten innerhalb der Feuerwehren bestens vertraut sind.

Carsten Bock ist Vorsitzender des Bundesarbeitskreises Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender der Gewerkschaft Verdi.

Interview: Martin
Grafik + Foto: Landesbüro für Queere Community und Dialog in Potsdam und Brandenburg

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