Homo-Notstand Nordbrandenburg

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jirkalandtagBrandenburg sucht seinen LSBTI-Aktionsplan

von Jirka Witschak

Ein unverhüllter und realistischer Blick über den Tellerrand von Potsdam aus gen Norden des Landes zeigt einen Notstand, denn Homo-Strukturen gibt es hier seit einigen Jahren nicht mehr.

Ab dem Landstrich Wustermark kurz hinter der Landeshauptstadt beginnt quasi die Wüste, in der jeder Schwule, jede Lesbe und jeder Transgender verdursten müsste, wenn nicht der Regionalexpress die Darbenden relativ fix in die Homo-Metropole Berlin verfrachten würde.

Dabei entwickelte sich um die 2000er Jahre eine recht verheißungsvolle Projektelandschaft. Es gab Gruppen und Ansprechpartner in Wittenberg, Neuruppin, Templin und Eisenhüttenstadt. Die Schwulengruppe "Young Gays Wittenberg" (YoGaWi) organisierten einen sehr erfolgreichen Stammtisch im Jugendfreizeitzentrum Würfel. Nachdem allerdings die Einrichtung Miete für jede Veranstaltung verlangte, gaben die ehrenamtlichen Organisatoren deswegen auf. Hinter der Gruppe stand die Brandenburgische Landjugend, die zumindest mit dem Netzwerkprojekt "LesBiGayt" noch einige Zeit danach homo_sexuelle Strukturen tapfer aufrecht hielt. Aber auch das ist inzwischen Geschichte. Einige Jahre tobte mindestens einmal im Monat schwul-lesbisches Leben im uckermärkischen Templin. Die Organisatoren rund um den SPD-Politiker Christian Hartphiel bewiesen mit ihrem Projekt UM QUEER, dass Einiges in der schönen aber bevölkerungsarmen Landschaft kurz vor Mecklenburg möglich ist. Highlight war das jährliche UM QUEER-Festival, dass konzeptionell einer CSD-Woche glich und zudem auch andere Brandenburger Homo-Gruppen anzog. Mit zunehmender Arbeitsbelastung der Akteure in Beruf und Politik, blieb das Projekt irgendwann auf der Strecke. Ein weiteren Grund für das Aus erklärte Hartphiel damit, dass Nachwuchs für die Vereinsführung fehlte. Mit dem Exitus der Gruppen und Vereine fehlen nun auch kurzfristige, regionale Beratungs- und Vermittlungsangebote. Das ist in Städten wie Eisenhüttenstadt, hier gab es einmal die SDT-Boys, besonders schmerzlich, weil hier erfahrene ehrenamtliche Ansprechpartner für LSBTI-Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung schlichtweg fehlen.

Brauchen wir Lösungen und Strukturen? Na klar. Denn wo nichts ist, kann auch nichts werden. Der ländliche Raum darf nicht links liegen gelassen und abgehakt werden. Ein Aktionsplan für "Akzeptanz von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, für Selbstbestimmung und gegen Homo- und Transphobie" so der etwas sperrige Titel, durch den Landtag beschlossen, ist das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt wird, wenn nicht auch konkrete Maßnahmen beschlossen werden, die homo_sexuelle Strukturen im ländlichen Raum aufbauen helfen. Dazu bedarf es zuerst Ansprechpartner_innen vor Ort, die schwule und lesbische Kultur, spezielle Beratungs- und Aufklärungsangebote in die zivilgesellschaftlichen und institutionellen Strukturen hinein vermitteln und ebenso die kaum sichtbare Homo-Community erreicht.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass mit einer ausschließlich einzelnen zentralen geförderten Struktur, eher alles den Bach runter geht, als dass sich Sinnvolles und Dauerhaftes in Kyritz, Eisenhüttenstadt oder Prenzlau aufbaut. Eine lesbischwule Aufklärungstour, die alle Jubeljahre einen einzelnen Landkreis nach dem Rotationsprinzip beglückt und seit Jahren als Textbaustein in Grußworten von politischen Entscheiderinnen herhalten muss, kann eine wirksame Vor-Ort-Arbeit nicht ersetzen.

Dass was wir brauchen ist eine organisatorische, finanzielle und personelle Untermauerung der Vielfalt bestehender Angebote, der Vereine und Selbsthilfegruppen, die ein Miteinander im Sinne eines landesweiten Aktionsplans fest im Blick haben. Warum sollte es im Norden von Brandenburg keinen Queensday geben? Warum können nicht jährlich zum Coming-Out-Day oder zum Tag gegen Homophobie, Ausstellungen zu homo_sexuellen Themen in den Rathäusern der Kommunen zu sehen sein? Im Gegenzug für die "Schützenhilfe" der bestehenden Vereine könnten Lesben, Schwule und Transgender im ländlichen Raum, uns die Städter und Städterinnen zum Rainbow-Cycle-Day einladen. Das kann doch ein Ziel eines Aktionsplans sein!

Ganz im Sinne von Selbsthilfe: Da wo ein Bedarf ist, wo deswegen etwas organisiert wird, da entwickeln sich auch Strukturen. In diesem Sinne ist eine Diskussion zu einem Aktionsplan für Vielfalt wichtig. Traut euch!


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Jirka Witschak ist vorständig bei Katte e. V., SPDqueer Potsdam und Brandenburg

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