Gegen Zersetzung, Shitstorms und Hatespeech

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LarsbergmannREDE LARS BERGMANN, Leiter der Landeskoordinierungsstelle für LesBiSchwule & Trans* Belange des Landes Brandenburg zum 10. Christopher Street Day in Cottbus:

Aktivist_innen!

Der CSD war in seinen Anfängen nicht nur ein Befreiungsschlag für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, vielmehr noch war Stonewall ein Aufstand gegen die biedere Selbstzufriedenheit einer, an sich selbst satt gewordenen homosexuellen Mittel- und Oberschicht, die zu jeder Zeit die nötige Anpassungsfähigkeit besaß und auch heute besitzt, um mit dem Strom der Zeit zu schwimmen.

Die Revolutionär_innen des Stonewall-Aufstandes waren der ignorierte und unangepaßte Teil des queeren Spektrums, der von Polizeigewalt, Rassismus und sexueller Ausbeutung, Armut und Willkür ebenso gequält wurde, wie von der Ausgrenzung der bürgerlichen Homosexuellen, die in ihnen nur den schmuddeligen Rest einer unerwünschten Halbwelt sahen. Stonewall war der Aufbruch von unten in eine basisdemokratische Emanzipationsbewegung, die bald weit über die Grenzen der USA hinaus Hoffnung auf ein Ende der Kriminalisierung und des Stigmas, der Gewalt und der Diskriminierung weckte.

Und in der Tat lassen sich die Erfolge sehen: Ehe für Alle, Diskriminierungsverbote, Aktionspläne, breite gesellschaftliche Bündnisse gegen Homo- und Trans*phobie haben sich in den vergangenen Jahrzehnten gebildet und treiben kraftvoll die Bemühungen um die Beseitigung von Diskriminierung und Gewalt und die Öffnung der Gesellschaft für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt voran.

Dabei wird oft vergessen wie mühselig das Engagement und wie langdauernd die politischen Forderungen gestellt werden, bis der Staat, bis sich Gesellschaft bewegt. Dem hiesigen Aktionsplan gingen etliche Jahre, unzählige Papiere und Diskussionen voraus, bis die Regierung dem Thema nicht mehr ausweichen konnte. Es wurde und wird uns freilich nichts geschenkt. Es kann, um Bertold Brechts Wort abzuwandeln, die Befreiung der Queers von Ausgrenzung und Gewalt und Diskriminierung nur das Werk der Queers sein.

Zugleich werden die Zeiten rauher. Hier in Cottbus ist in den vergangenen Monaten mehr als Anderswo im Land spürbar geworden, wie es sich anfühlt, wenn rechte Parteien und Gruppen die Ängste der Bevölkerung erst aufpeitschen und sie dann politisch für ihre Zwecke benutzen. Angst war und ist das Instrument, mit der jede totalitäre Bewegung das Volk anstiftet, gegen die Minderheiten der Gesellschaft im Dienste eines vorgeblich besseren Morgens oder Gesterns vorzugehen.

Es war immer Lüge und ist es auch jetzt.

Es ist nicht die leuchtende Zukunft, sondern die finstere braune Vergangenheit, die heraufbeschworen wird, mit all ihren verabscheuungswürdigen, menschenverachtenden Seiten. Sie hüllt die Gesellschaft in dunklen Fanatismus, der unausweichlich zu Mord und Totschlag führen muß.
Es ist die hässliche Fratze des Faschismus, die uns in Reden, Beiträgen und Facebook-Posts entgegenschlägt und wir sind heute mehr denn je aufgefordert, Rückgrat und Haltung zu beweisen, wenn über Flüchtlinge gehetzt wird, wenn queere Menschen beleidigt und geschlagen werden, wenn verdeckt und offen zu Mord und Totschlag an Andersdenkenden aufgerufen wird.
Wir dürfen nicht schweigen und uns wegducken, wenn diejenigen, die sich für Gerechtigkeit, Frieden, Solidarität und Vielfalt einsetzen um Leib und Leben fürchten müssen.
Es gibt im Schlechten nichts Gutes!

Wir wollen keinen Rassismus, keinen Nationalismus, keinen Fremdenhass, keine Homo-, Bi- und Transphobie.
Wir wollen keine Faschisten, nicht hier und nirgendwo.

Es ist an uns, gleich ob wir Politiker_innen, Aktivist_innen, Sympathisant_innen, Freund_innen, Arbeiter_innen, Angestellte, Akademiker_innen oder Künstler_innen sind, für die Demokratie, für eine solidarische Gesellschaft in der alle Menschen ihr Glück finden und für die Freiheit einzutreten.
Es ist an uns, laut und mutig unsere Meinung zu äußern und denen die Angst und Haß schüren, aber auch denen die ihnen hinterherlaufen, Einhalt zu gebieten.
Die auf Führerstaat und Faschismus gemünzte blauangestrichene braune Propaganda wird nur dann ihr Ziel nicht erreichen, wenn wir in dieser Frage einig sind und über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt hinaus gesellschaftliche Bündnisse schmieden.

Diese Werte glaubhaft zu vertreten setzt voraus, daß wir auch in unserer Arbeit innerhalb unserer Community dieselben Wertmaßstäbe anlegen und verteidigen. Solange sich einige Wenige von uns auf Kosten und vor allem zum Schaden unserer Community als Heilsbringer aufspielen, solange auch in unseren Zusammenhängen nicht Solidarität, sachliche Argumente und gegenseitige Wertschätzung die unveräußerlichen Grundprinzipien sind, sondern Egoismus, Ausgrenzung, Zersetzung, Shitstorms und Hatespeech, solange wird auch diese Community an sich selbst leiden und nicht anschlußfähig sein.

Ich möchte an diejenigen, die zu dieser garstigen Situation beitragen heute folgende Mahnung richten: Ihr scheut Euch nicht, wichtige Veranstaltungen wie diesen CSD Cottbus für Euer Geltungsbedürfnis zu vereinnahmen. Ihr besitzt die unglaubwürdige Vermessenheit, Euch mit der LSBTIQ-Community des Landes Brandenburg zu verwechseln, wo vielleicht recht bald der Augenblick gekommen ist, da dieser Community Alles daran gelegen sein wird, nicht mit Euch verwechselt zu werden.

Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit, ob wir es bewerkstelligen, daß die Werte, die wir nach außen vertreten auch für unser Innenleben uneingeschränkt Geltung besitzen. Dazu gehört Courage und Empathie und gleichfalls das Aushalten der Unterschiedlichkeit unter uns allen, während wir für die gleichen Ziele kämpfen.

Der CSD Cottbus ist hierfür ein ermutigendes Beispiel und insofern freue ich mich heute hier mit Euch zum 10. Mal die Demonstration zum Christopher Street Day in Cottbus zu eröffnen. Ich wünsche Euch und uns weiterhin soviel Mut und Engagement, Schöpferkraft und Durchhaltevermögen und Kampfgeist, zu tun, was die Vielfalt in jeder Hinsicht stärkt und zu sagen was der Vielfalt zur Ehre gereicht und zu verhindern, was diese Vielfalt in Gefahr bringt.

Denn eines ist sicher:
Je stärker die Vielfalt, desto sicherer der Frieden!


Text: Veröffentlicht auf der Facebookseite des Landesverbandes AndersARTiG e. V., es gilt das gesprochene Wort.
Foto: gayBrandenburg.de (LKS-Leiter Lars Bergmann, links im Bild, anlässlich Informationsstand beim Motzstrassenfest 2016)

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