AGNES: Manchmal halte ich das nicht mehr aus

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... irgendwie ist wohl rausgekommen dass ich schwul bin

Angefangen hat alles vor mehr als zwei Jahren schon... Ich kannte meinen Freund noch nicht... Ich habe da auch noch bei Luckenwalde gewohnt - bei meinen Eltern. War damals 16, und irgendwie ist wohl rausgekommen dass ich schwul bin. Eigentlich wollte ich es immer verheimlichen, weil ich genau wusste, wie meine Eltern reagieren. Und genau so kam es dann auch.

Sie haben mich nur noch benachteiligt, mich beleidigt, mich minderwertig behandelt und ich habe mich nicht mehr wohlgefühlt daheim... Ich hab das sehr lange mitgemacht, und als ich 18 war, da war es dann noch schlimmer, ich will jetzt nicht so wirklich drauf eingehen was dann noch alles war. Auf jeden Fall musste ich da weg ... Und bin 50 km weit weg zu meinen Verwandten gezogen, wo ich erst mal über die Sommerferien 2008 untergekommen bin... Ich wollte dann aber nicht mehr weg, und dort bleiben. Das war dann auch kein Problem, also blieb ich dort und bin jeden Tag nach Luckenwalde zur Schule gependelt, mehr als 50 Kilometer...

Mit meinem Vater habe ich seit August kein einziges Wort mehr sprechen können

Irgendwann hatte ich auch von meinen Verwandten die Nase voll... Mich hat dort alles an meine Eltern und die Situation daheim erinnert, ich wollte auch von dort weg. Im November 2007 bin ich nach Jüterbog aufs Gymnasium gewechselt. Warum nach Jüterbog? Aus dem einfachen Grund weil ich schon damals den Wunsch eines Neuanfangs hatte, und der sollte in Jüterbog sein... Drum bin ich gleich dort aufs Gym... Jetzt bin ich seit November in Jüterbog am Gym, und wohne bei meiner Oma in der Nähe... Kontakt zu meinen Eltern hatte ich kaum noch... Mit meinem Vater habe ich seit August kein einziges Wort mehr sprechen können, mit meiner Mutter nur sporadisch ab und zu mal am Telefon. Meine drei kleinen Geschwister und meinen Hund habe ich ewig nicht mehr gesehen... Dann im Oktober 2008 habe ich Simon kennengelernt, meinen Freund.,.. Seit November sind wir zusammen, und er hilft mir wo es geht... Seine ganze Familie steht hinter uns, aber meine Familie lehnt mich ab und ich muss damit klar kommen... Finanziell unterstützen tut mich auch keiner... Ich arbeite neben der Schule in nem Laden auf 400 Euro dass ich überhaupt zur Schule fahren kann, und irgendwie mein Handy bezahlen kann und dann vielleicht noch etwas Geld übrig habe... Nicht mal Kindergeld wollten sie mir geben, das habe ich jetzt erst seit Februar über die Familienkasse direkt einfordern können, weil es rein theoretisch gesehen ja mir zusteht...

Wenn ich meinen Eltern auf der Straße begegne grüßen sie mich nicht.

Mein Problem ist einfach meine Lage allgemein, und ich weiß nicht mehr weiter, ich bin so am Ende dass einfach alles ohne Sinn erscheint. Ich bin seit ein paar Tagen zu einem Kumpel aus Luckenwalde gezogen, der schon in der Ausbildung ist, und allein wohnt... Ich beteilige mich an der Miete und schlafe im Wohnzimmer auf der Couch, dort lebe ich jetzt auch. Wenn ich meinen Eltern auf der Straße begegne grüßen sie mich nicht. Eine eigene Wohnung ist zu teuer, kann ich mir neben der Schule nicht leisten. Und ein passendes WG Zimmer finde ich einfach nicht... Ich weiß nicht wie lange das noch gut geht... Michi kann mich auch nicht ewig aufnehmen, höchstens ein paar Wochen... Ich habe schon täglich Phasen, in denen ich einfach plötzlich Tränen in den Augen spüre, ich fang an zu weinen und hab ein Gefühl als ob ich einfach nur noch sterben wollen würde. Meine Eltern haben mich im Stich gelassen, meine Freunde in Luckenwalde scheißen auf mich, und jetzt steh ich auch noch mit einem Bein auf der Straße - und dabei soll ich mein Abitur machen, und leben... Ich will einfach nicht mehr, ich halte es alles nicht mehr aus, mir gehts so dreckig dass ich nicht mehr weiß wie ich überhaupt noch leben soll...

Ich will nicht mehr im Bus, im Zug oder in der Schule sitzen müssen und von jetzt auf sofort anfangen zu heulen...

Ich halte vor allem einfach diese depressiven Phasen nicht mehr aus... Ich will nicht mehr im Bus, im Zug oder in der Schule sitzen müssen und von jetzt auf sofort anfangen zu heulen... Es verkrampft in dem Moment alles in mir, mir laufen die Tränen runter und mein Bauch tut einfach nur irgendwie weh... Und das kommt im Moment viel zu häufig vor... Ich will in diesem Moment keinen mehr sehen, und fühl mich einfach nur, als würd ich in ein tiefes schwarzes Loch fallen und immer weiter runter gezogen werden, als ob das Licht immer weiter wegfallen würde und um mich herum wird es immer enger und kälter ...

Daniel (Name und Orte geändert) ist ein typisches Beispiel für schwule und lesbische Jugendliche. Konflikte in der Familie lassen sich oft auf die Schwierigkeiten der Eltern mit der sexuellen Identität der Söhne oder Töchter herleiten. Mit dem Projekt AGNES vermittelt der Verein Katte zwischen Eltern und Kindern. In Notsituationen finden Betroffene mit AGNES einen kompetenten Ansprechpartner. In mehreren Fällen konnte so Jugendlichen eine Wohnung vermittelt werden. Einige können oder konnten beim Verein ein EQJ absolvieren.

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