Manchmal gehe ich wie Königin Beatrix durch das Dorf

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Über Dorf und Luch ziehen vorm Winter die Kraniche gen Süden. Doch Thilo und René Christ wollen nicht fort. Im Gegenteil. Sie sind angekommen hier in Sieversdorf, einem Ort mit gut 600 Einwohnern auf der Grenze zwischen Ostprignitz und Westhavelland. Sie könnten auch gar nicht weg. Thilo muss die Torte zum 70. von Nachbarin Renate machen. Im Dorf heißen sie „die zwei Jungs“ mit ihren 45 und 41 Jahren. Die Kate mit der kleinen Regenbogenfahne nennen sie „Rentnersitz“. Vorm Fenster, im schmalen Gartenwinkel, picken Holländische Zwerghaubenhühner mit aberwitziger Tennisballfrisur.



Rentner sind sie beide infolge ihrer HIV-Erkrankung. Vor neun Jahren zog Thilo aufs Land, erfüllte sich bezahlbar den Traum von Haus und Garten. Schon beim Dachdecken gab es Kaffee und Kuchen von nebenan für den Konditormeister aus Berlin-Charlottenburg. Einst hatte er sein eigenes Café in Spandau. Das musste 1995 schließen. Zwei Jahre später zwang ihm die plötzliche Diagnose „HIV positiv“ radikal ein verändertes Leben auf. Nach dem Schock nahm er es an. Tatendurstig, sportlich-zäh fand er seinen Optimismus wieder. Und seinen Sinn für Träume. „Klein, dick, tuntig - in meinem Heimatdorf galt ich schon als schwul, als ich noch gar nicht wusste, was das ist“, erzählt René von seiner Kindheit und Jugend. Mit 13 schlich er sich auf sein erstes schwullesbisches Straßenfest nach Karlsruhe. Zu Hause sagte er was von einem Kirchencamp. Mit einigen pubertierenden Jungs in der Schule konnte er sich ein bisschen ausprobieren. Aber alles blieb ein Versteckspiel. Nach Hauptschule und Bäckerlehre arbeitete er in einer Damenboutique.  
1992, mit 23, wurde während einer Operation das HI-Virus festgestellt. Bald traten Symptome der Erkrankung auf. Er verlor seinen Verkäuferjob, die Dienstwohnung und den Kontakt zur Familie. Sein Coming-Out mit 17 überraschte kaum jemanden. AIDS aber machte ihnen Panik. Hinzu kamen die Blicke und Fragen im Dorf. René ging nach Stuttgart und machte Aufklärungsarbeit für die AIDS-Hilfe Baden-Württemberg. Als 1998 kein Geld mehr für die Stelle da war, begann das Jobben – und es blieb der Kampf mit gesellschaftlichen Vorbehalten und eigenen körperlichen Grenzen. Mit 30 Jahren wurde René berentet.

ThiloRen3Im „Positiv e.V.“ traf er 2006 Thilo. Frisch verliebt zog er mit nach Sieversdorf. Als sie die Sachen ins Haus trugen, hörte er draußen ein Mädchen sagen: „Das ist der Neue von Thilo und der bleibt jetzt.“ Er nahm es als Willkommensgruß. Sie leben nun von rund 1200 Euro Rente. Als Köche und Kellner verdienen sie in Berlin tageweise etwas dazu. Dort sitzen auch ihre HIV-Schwerpunktärzte. Neulich hat sich René wieder in einem Café vorgestellt. Es sieht gut aus. Doch da war auch wieder dieser ewig verzehrende Druck: Wie rede ich darüber? Wie kann ich mit meiner Krankheit in dieser auf Leistung getrimmten Gesellschaft bestehen? „Mitleid, blöde Fragen oder Ablehnung - da unterscheiden sich Heten und Homos gar nicht.“ René ist sich sicher, dass sich viel im Umgang mit HIV ändern könnte, wenn es als chronische Krankheit neben Diabetes, Krebs und anderen anerkannt wäre. Hier draußen in Sieversdorf ist es sowieso leichter.
Thilo ist als Model und Ansprechpartner für die Kampagne IWWIT (Ich weiß, was ich tu.) der Deutschen AIDS-Hilfe unterwegs. Sie richtet sich an Männer, die Sex mit Männern haben. Auch an jene, die nicht offen schwul leben. René wird mit einsteigen bei IWWIT und würde auch wieder an Schulen beraten. Es bedeutet ihnen viel, die Geschichten ihres Schwulseins weiterzugeben und zu erzählen, wie es ist, mit HIV zu leben, zu lieben und Sex zu haben. „Klar war der Sex vor der Infektion sorgloser“, sagt Thilo, „aber mit René ist es ja nun wieder anders.“ Nach der Angst und dem Verzicht der ersten Jahre, macht es René schon lange ausschließlich mit Männern, die ebenfalls HIV positiv sind. „Sero-sorting“ nennt sich diese Rückeroberung der Lust. Vor anderthalb Jahren wollte René nur noch fort in den Tod. Tief depressiv, mit null Helferzellen und extremer Virenlast lag er in der Charité. Sie haben ihn da behalten, Thilo allen voran. Stets hatte René misstrauisch den heftigen Medikamentencocktail einer Kombi-Therapie abgelehnt, die den Verlauf der HIV-Infektion und den Ausbruch von Aids hemmen kann. Seither aber wacht sein Freund, der seine Mittel seit 2004 trotz aller Nebenwirkungen nimmt, als „gute Krankenschwester“ über die tägliche Dosis. Über Lebenserwartungen lässt sich selbst mit den Medikamenten schwer reden. Damals im Krankenhaus waren auch Thilos Eltern zur Stelle und gaben René eine Familie zurück. „Sie sahen endlich, dass sich bei uns das erfüllte, was sie ihren Kindern einst mitgeben wollten: Einen Menschen zu lieben und sich bedingungslos für ihn einzusetzen“, sagt Thilo.

ThiloRen1Im Sommer 2009 haben die beiden geheiratet. Als zweites schwules Paar im Amt Neustadt/Dosse, als erstes im Kirchenkreis. Der Ortspfarrer erzählt von der „freudigen Neugier“ im Dorf. Da standen erwartungsvoll die Menschen entlang der Straße. Mit Kuchen und Sekt ging das Paar auf sie zu. In der Kirche dann die Zeremonie, mit Trauurkunde und allem, was dazu gehört. „Gekichert haben manche nur, als der Kuss nach dem Ja-Wort länger dauerte als sonst“, erinnert sich ein älterer Mann. Die Anfrage an die Kirche war auch ein Test. „Hätten sie uns abgelehnt, wären wir ausgetreten.“ Gerade René hatte früher genug schlechte Erfahrungen gemacht. Doch nun traten beide durch weit geöffnete Türen ein: „Wir predigen schließlich die Liebe“, hieß es aus der Gemeinde.
„Seit der Hochzeit gehe ich manchmal wie Königin Beatrix durch den Ort“, lacht René und winkt jovial nach links und rechts. Und dann sagt er aus tiefstem Herzen: „Ich habe noch nie so tolerante Leute erlebt. Die interessieren sich wirklich für dich als Mensch.“ Das sagt er hier, wo die Kriegsvertriebenen aus dem Osten auch nach 65 Jahren noch „Flüchtlinge“ heißen. Es ist ein Geben und Nehmen, in dem die beiden vieles bewegen. Nach dem üppigen Hochzeitsfest verriet ihnen bewundernd der Ortsvorsteher: „Ihr habt selbst Leute zum Feiern hervor geholt, die sonst nur aus der Ferne meckern.“ Inzwischen werden sie sogar zu Rentnerrunden eingeladen, den passenden Ausweis haben sie ja. Thilos Torten sind legendär und die weißen Zwerghaubenhühner Dorfgespräch. Schwul, HIV – mag ja sein. Doch verblüfft und in ihrem Weltbild erschüttert waren die Nachbarn nur, als sie irgendwann merkten, dass Thilo gar kein Ossi ist. Dabei hatte doch alles so gut ins Bild gepasst … Was bleibt an Wünschen und Plänen? Das Haus fertig ausbauen. Vielleicht mal, also doch mit den Kranichen, im Süden überwintern. „Aber vor allem die Silberne Hochzeit“, ruft Thilo. René atmet tief, streicht sich den Scheitel aus dem müden Jungengesicht. Nein, so lange wolle er nicht mehr leben mit HIV. Zeit sei für ihn kein Ziel. Es bleibe ein wirklich wichtiger Wunsch: „Ein gutes, gediegenes Ende.“

Quelle: www.love-sex-safe.de
Autor: Karl Hildebrandt
Foto: Karl Hildebrandt

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