HIV-Burnout in Brandenburg auf dem Vormarsch

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Carsten BockWarum künftig die Sekundär- und Tertiärprävention weiter  verstärkt werden muss

Eine HIV Infektion kann zwar jeden treffen, aber in fast 3 von 4 Infektionen sind Männer, die Sex mit Männern haben davon betroffen. Die Immunschwächekrankheit, an der immer mehr Menschen auch in Brandenburg leiden, kann die Grundlage für die Entwicklung eines Burnouts bilden. Damit daraus keine Depression entsteht, braucht es eine z.B. wirkungsvolle Kurzzeittherapien.

Monitorarbeit, Termindruck und Fast-Food zwischendurch: So sieht der Alltag von tausenden Menschen auch in Brandenburg aus. Längst ist Burnout, also der Zustand emotionaler Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit, zu einem weitverbreiteten Syndrom geworden. Doch der Dauerstress, der oftmals mit Bewegungsmangel und ungesunder Ernährung gepaart ist, kann nicht nur das Risiko, in eine Depression zu fallen, erhöhen, sondern auch durch eine HIV Infektion kann dieses Risiko begünstigt werden.

So beobachteten die Beratungsstellen für Menschen mit HIV und AIDS von Katte e.V. in Potsdam und Cottbus, die in den letzten drei Jahren mit fast 130 Klienten der geschätzt rund 450 Menschen mit HIV und AIDS in Brandenburg zumindest sporadisch, in rund einem Drittel der Fälle aber auch sehr regelmäßigen Kontakt hatte und diese dann umfassend berät, eine deutliche Zunahme dieser HIV assoziierten Depressionserkrankungen für die es leider noch keine adäquate Anlauf- und Betreuungsstelle in Brandenburg gibt.

Hintergrund für diesen umgekehrten Krankheitsverlauf also dass die HIV Infektion das Risiko, in einen Burnout-Zustand zu kommen, erheblich erhöht, ist die tägliche zusätzliche Anstrengung und Aufmerksamkeit die eine HIV Infektion erfordert und zwar lebenslang. Bei allen Dingen, die ein Belastungspotenzial haben und die man ein Leben lang macht, besteht das Risiko, dass man irgendwann mal davon überfordert ist, wie zum Beispiel von einer Arbeitsstelle, einer Partnerschaft oder eben von einer HIV Erkrankung.

HIV als zusätzlicher Stress
Vor allem HIV-Patienten unter medikamentöser Therapie, die hohe Ansprüche an sich selbst stellen oder Patienten, die sowieso im Dauerstress feststecken, haben ein hohes Risiko, ein sogenanntes HIV-Burnout zu entwickeln. Einige HIV-Patienten stecken sich bezüglich ihrer Therapie sehr hohe Ziele. Sie wollen mit Disziplin und Eifer immer gute (CD4) Helferzellenwerte und eine niedrige Viruslast erreichen und setzen sich so immens unter Druck. Dies ist jedoch eine unrealistische Erwartung, da eine Vielzahl anderer äußerer Faktoren und auch Tagesschwankungen die CD4 Helferzellen beeinflussen, die nicht immer kontrolliert werden können. Der durch diese unrealistischen Erwartungshaltungen selbst gemachte Stress führt jedoch dazu, dass HIV gerade in der Anfangszeit als nicht kontrollierbar erlebt wird. Dazu kommt eben oftmals noch die Stigmatisierung am Arbeitsplatz, im Freundes- oder Bekanntenkreis und leider verstärkt auch in der schwulen Community. Daraus kann dann ein Teufelskreis entstehen, der bei HIV-Patienten Enttäuschung, Frustration und Ohnmachtsgefühle auslöst. Im schlimmsten Falle wird resigniert und die Therapie nur noch teilweise oder lückenhaft betrieben. Eine solche Entwicklung kann fatale Folgen haben und sogar lebensgefährlich sein. Denn eine schlechte Compliance führt in der Folge nicht nur zu Therapieversagen und Resistenzen gegen bestehende Medikamente, sondern gefährdet eben durch eine erhöhte Viruslast auch den Betroffenen selbst sowie seine Sexualpartner. Dem muss durch eine ausgefeilte Sekundär- und Tertiärprävention entgegengesteuert werden.

Bei den Dauergestressten bedeutet die HIV- Diagnose und die daraus notwendigen Therapiemaßnahmen, wie das regelmäßige Kontrollieren der Werte, zeitlich kontrollierte Medikamenteneinnahme, sowie durch die Nebenwirkungen und Begleiterkrankungen notwendige Umstellung des Essverhaltens, Kontrolle der Gewichtsreduktion usw. zusätzlichen Aufwand, obwohl es keine freien Ressourcen dafür gibt. Das führt zu noch mehr Stress. Bei Katte e.V. beobachtet man in diesen Fällen eine negative Haltung zur Erkrankung und zum Compliancemanagement. Arztbesuche fallen aus, es wird wieder ungesund gegessen, geraucht, getrunken und  dafür weniger Sport getrieben, was wiederum zu einer Beeinträchtigung des Wohlbefindens führt. Ein Negativkreislauf, der dann zu HIV bedingtem Burnout und anderen Folgeerscheinungen HIV Infektion führen kann, entsteht.

HIV-Burnout unter Patienten eher unbekannt
Da vielen HIV-Patienten gar nicht bewusst ist, dass es einen "HIV-Burnout" geben kann und Burnout-Symptome wie Abgeschlagenheit, Müdigkeit und Kraftlosigkeit durchaus auch durch die HIV Infektion selbst als auch die Nebenwirkungen der Medikamente hervorgerufen werden können, ist Aufklärung dringend nötig. Umso mehr,  – da ihnen gerade jetzt zum Weltaidstag am 1.12., das in den Medien vermittelte „Neue Bild von AIDS“  eines (fast) ewig lebenden und alles könnenden HIV Patienten vermittelt wird. (Mit HIV kann man fliegen, den Marathon gewinnen usw.)

HIV- Patienten, aber auch Angehörige und Fachpersonal, die solche Veränderungen feststellen, sollten schnell reagieren. Dann nämlich ist die Kombination aus chronischer Immunerkrankung und Erschöpfungszustand gut in den Griff zu bekommen.
Neben dafür fachlich qualifizierten Beratungsstellen müssen dazu Gefährdungstests entwickelt werden, wie sie in anderen Ländern schon Standard sind fordert Katte. Derzeit kann man bei dem Potsdamer Verein nur an Berliner Psychologen mit speziellen HIV-Kenntnissen oder Reha-Maßnahmen verweisen.

Am meisten Burnout-gefährdet sind die HIV-Klienten mit erheblichen Folgekomplikationen oder –erkrankungen, denn sie spüren den Krankheitswert von HIV und AIDS besonders. Bei ihnen stellt sich oft das Gefühl ein, vom HI-Virus kontrolliert zu werden. Für diese Klienten ist es besonders wichtig, keine Depression als die nächste HIV-Folgeerkrankung zu bekommen.

Eine Möglichkeit für HIV-Patienten, die noch keine Depression haben, wäre eine psychologische Kurztherapie wie man sie beispielsweise auch bei den ebenfalls stark depressionsgefährdeten Diabetespatienten kennt. Damit könnte die Motivation und Einstellung der Klienten mit sich und der HIV-Infektion sorgsam umzugehen gestärkt werden. In den psychologischen Kurzzeittherapie-Gesprächen können Probleme identifiziert, negative Einstellungen verändert und Ressourcen neu aktiviert werden. Es kann zum Beispiel sehr hilfreich und entspannend sein, wenn man sich als HIV-Infizierter bei Freunden, Bekannten und Kollegen outet, was wegen der noch immer anhaltenden Stigmatisierung aber nicht jedem leicht fällt, und auch nicht in jedem Fall ratsam ist.

 


Carsten Bock ist HIV-Berater bei Katte e.V.

 

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