Rundgang durch das 6. Pornfilmfestival Berlin 2011

„Sex in diesem Alter ist unwichtig.“


Wo liegen die Schnittstellen zwischen dem visuellen Erleben von vielgestaltiger Sexualität, (Film-)Kunst und gesellschaftlichen Fragestellungen? Die Kuratoren des Pornfilmfestival Berlin blieben sich treu und regten ihr Publikum auch im sechsten Jahrgang mittels 118 Kurz- und Lang-, Spiel- und Dokumentar-, Animations- und Experimentalfilmen zur Suche nach Antworten an. Zusätzlich rundeten Performances, Workshops, Diskussionen und Kunstausstellungen das Programm an den traditionell letzten vier Oktobertagen ab. Hervorstechend war die klare quantitative und qualitative Präsenz lesbischer Filmemacherinnen im Festival. Danielle Sipple und Elizabeth Weisbrot eröffneten die Kurzfilmrolle zum lesbischen Porno mit einem intensiven Stück, in welchem eine junge Frau eine die Masturbations-Fantasie durchlebt. TOOTH & NAIL hieß der dynamische und sieben Minuten kurze Film, in welchem die Regisseurinnen ihre Darstellerin Dylan Ryan in einen annähernd destruktiven Strudel eigener sexueller Vorstellungen schickten. Eine ähnliche Dynamik, wenn auch nicht destruktiv, sondern vielmehr sinnlich, entfaltete der Kurzfilm ALPHAFEMMES. Ein lesbisches Paar, in seinen körperlichen Typen höchst kontrastierend, entwickelt ein vordergründiges SM-Spiel von Unterwerfung und Dominanz zu einer fleischlich satten Session.




Der sexuellen Metaebene nahm sich Betsy Kalin in ihrer sympathischen Kurzdokumentation CHAINED! an. Die Kette an Portemonnaie oder Schlüssel wurde über die Jahrzehnte durch die Dyke-Bewegung in den USA zu einem geradezu unverzichtbaren Detail im persönlichen, auch sexuellen Erscheinungsbild vieler lesbischer Frauen. Heute, so lernen wir in CHAINED!, sind diese Ketten integrale Facetten lesbischer Identitäten und die Entscheidung, welche Form von Kette man wie und an welcher Körperseite trägt, grundsätzlich. Fragen nach der sexuellen Selbstdefinition verhandelt auch die lesbische Filmemacherin und Pornodarstellerin Courtney Trouble. Ihr kurzer Essay WHAT MAKES US QUEER? ging genau dieser Frage nach. Dabei zeigte sich einmal mehr: Die klassischen Geschlechternarrative, auch im nicht-heterosexuellen Kontext, sind ein Korsett, das stetig hinterfragt sein will. 

"Çürük", das türkische Wort für faulig oder auch behindert, bekommen jungen Türken zu hören die versuchen, aufgrund ihrer Homosexualität eine Ausmusterung vom Wehrdienst zu erreichen. Sich Ausmustern zu lassen endet jedoch schnell in einem hochnotpeinlichen Prozess der medizinischen Examination. Am Ende steht zwar die Befreiung vom Militär, zuvor wurden aber grundlegende Menschenrechte von höchsten staatlichen Stellen mit Füssen getreten. Ulrike Böhnischs Dokumentation ÇÜRÜK: THE PINK REPORT zeigte deutlich, welch problematische Stellung das Militär in der Türkei immer noch einnimmt. Handwerklich auf den Punkt, hinterließ der aufrüttelnde Film einen beklemmenden Eindruck von den Zuständen innerhalb der heutigen türkischen Gesellschaft. ÇÜRÜK: THE PINK REPORT dokumentierte aber ebenso erste spürbare Zeichen einer Gegenwehr.

Von einem Aufbruch ist der Übersetzer Michael Frenkel weit entfernt. Der 67-jährige Israeli erwartet nicht mehr viel. Was ihn antreibt, ist die Suche nach Gesellschaft, insbesondere sexueller Natur. Nackt wartet er auf seinem Bett darauf, dass Männer zum verabredeten Sexdate erscheinen, die wohl nie kommen werden. David Morans mittellange Dokumentation THE MARQUIS OF BNEI BRAK näherte sich diesem störrischen Charakter mit offener Neugierde. Doch gab sich Michael Frenkel keineswegs damit zufrieden nur das Objekt des Films zu sein, vielmehr bezog er das Drehteam in seinen Alltag und seine Gedanken mit ein. Alt & schwul - eine Konstellation, die wenig Beachtung im queeren Filmschaffen dieser Tage findet. Umso wertvoller daher das Kurzfilmprogramm „Old Gay Desire“. Und mit dem einfühlsamen dokumentarischen Porträt I, RONI TAL war darin ein weiterer israelischer Beitrag zu sehen. Der 78-jährige Roni Tal erzählt der Kamera, wie er zu seinem Coming-out als Siebzehnjähriger kam, wie er jenen Mann kennenlernte, mit dem er über 40 Jahre zusammenlebte und was er heute aus seinen sexuellen Begierden macht: „Sex in diesem Alter ist unwichtig“, sagt er mit einem milden Lächeln.


Den Preis für den besten Kurzfilm gewann der skurrile schwedische Beitrag GANG BANG BARBIE, in dem die Regisseurin und Protagonistin Joanna Rytel das Puppenspiel völlig uminterpretierte und eine Gruppe Barbies zum „Gang Bang“ eines echten Penis antrieb. Der in London ansässige Fotograf, Filmemacher und Tänzer Anton Z. Risan gestaltete diesmal zwei Kurzfilme: Das erotisch aufgeladene Musikvideo GREEDY EYES. Und das Werk AZRAEL, in dem er eine Tanzperformance, kondomfreien schwulen Sex und Berliner Stadtlandschaften zu einem sinnlichen Bilderrausch kompilierte. Antonio Da Silva brachte die Einfachheit schwuler Sexdates im Internetzeitalter mit seinem schnell geschnittenen Essay MATES auf den Punkt. Und Regie-Enfant terrible Bruce LaBruce legte das Musikvideo REVOLVING DOOR vor, in welchem er seinem aktuellen Stilmix aus Sex und viel Filmblut frönte. Das polnische Kollektiv „Inside Flesh“ brachte mit POSSESSIONS den 5. Teil seines gleichnamigen Filmzyklus ins Programm, in dem die Gruppe Kunst, Sex und Fetisch auf ausdrucksstarke Weise miteinander vereinte. In der skurrilen Berliner Farce STUFFED machten sich zwei Männer zusammen mit einer künstlichen Vagina über einen ausgestopften Fuchs her. Und aus Großbritannien stammte der gewinnende Animationskurzfilm LITTLE DEATHS, in welchem die Regisseurin Ruth Lingford mittels O-Tönen und Visualisierungen über den Orgasmus an sich nachdachte.

Mit dem Spielfilm UNCLE DAVID bewiesen die Kuratoren des Pornfilmfestivals erneut ihre Qualitäten als Festivalmacher und öffneten ihr Programm für filmische Grenzgänge: David ist Ende vierzig, sein Begleiter Ashley Anfang zwanzig. David bildet in der Anmutung eines Quentin Crisp einen erheblichen Kontrast zur anziehend jungenhaften Männlichkeit Ashleys. Beide Männer verbindet eine innige Beziehung, deren Konstellation bis zuletzt nicht genau decodierbar ist; Kunde und Sexworker, Onkel und Neffe, Mentor und Zögling oder einfach nur zwei Liebende? Sie haben sich auf einen Trailerpark an der frühherbstlichen englischen Küste zurückgezogen. David monologisiert ausgelassen über den Sinn des Lebens und über das Transzendieren in andere Aggregatzustände der Existenz – gerade vor dem Hintergrund einer hetero-normativen, spießigen Gesellschaft. Ashley hängt an seinen Lippen. Schleichend kippt der poetische Film in Bereiche des Thrillers, offenbart den abgründigen Kern der Beziehung von David & Ashley. Eingefangen in geradezu traumwandlerischen Bildern, erzählt das Regietrio David Hoyle, Mike Nicholls & Gary Reich eine tragikomische, anziehende, schließlich restlos verstörende Geschichte, deren mannigfaltigen Triebkräften man sich kaum entziehen kann.

UNCLE_DAVID_Ashley_Ryder__copyright-Peccadillo_Pictures
In den nächsten Jahren wird es spannend zu beobachten sein, wie die Festivalmacher mit dem wachsenden Erfolg umgehen und ob sie der zwiespältigen Versuchung einer weiteren Popularisierung nachgeben. Absehbar ist wohl, dass sich das Festival rein örtlich vergrößern muss, denn das kleine und legendäre Kino Moviemento stieß in diesem Jahr fühlbar an seine Kapazitätsgrenzen. Der Jahrgang 2011 betätigte erneut, dass das Pornfilmfestival, neben der Berlinale, zur wichtigsten Filmschau Berlins geworden ist. Und hinterließ auch noch ein rundum euphorisches, angeregtes Publikum.

www.pornfilmfestival.de


Autor: Manuel Schubert
Text zuerst erschienen auf filmanzeiger.de

 


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