… weil ich eben Tunte bin!

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Gaybrandenburg – communityTicker) Verfahren gegen Geldbuße eingestellt. Das ist das Fazit nach der Verhandlung gegen Oliver S. vor dem Potsdamer Amtsgericht am Mittwoch (3. Februar 2010). Dem 32 jährigen wurde Sachbeschädigung, Beleidigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt vorgeworfen.

Der hier verhandelte Vorfall ereignete sich in der Nacht von Sonntag zum Montag am 29. Dezember 2008. LINK Für die anwesenden Gäste und Mitarbeiter des La Leander war dies ein einschneidendes Erlebnis: „Der Schock danach saß tief, ich hab so was noch nie erlebt. Ich dachte in Potsdam sind wir relativ sicher“, so ein betroffener Gast. Ein Mitarbeiter des Leanders reagierte fassungslos: „Ich hätte nicht gedacht, dass mir unser eigenes Antigewaltprojekt AGNES mal in dieser schwierigen Situation helfen muss.“

 

Oliver S., der zur Tatzeit nicht unerheblich unter Alkoholeinfluss stand, bemühte sich allerdings nach der Tat aktiv um Wiedergutmachung. Er ersetzte den von ihm verursachten Sachschaden und nahm aktiv an einem Täter-Opfer-Ausgleich teil. Genau diese ausgleichende Strategie sorgte offensichtlich für das geringe Strafmaß.

In intensiven Verhandlungen über den Täter–Opfer–Ausgleich konnten die Geschädigten und Oliver S. sich auf die Eckpunkte des Ausgleichs einigen. In mehreren Gesprächen wurde auch der Potsdamer Sportverein einbezogen, für den Oliver S. antritt. Der Vorsitzende des Vereins und auch einige Mitglieder bezogen eindeutig Stellung gegen die homophoben Äußerungen ihres Vereinsmitglieds.

Vor Gericht entschuldigte sich S. bei den Betroffenen, die als Zeugen noch mal über die schockierende Situation an dem Abend berichten mussten. Der Angeklagte konnte vor Gericht glaubhaft machen, dass ihm die Sache nicht nur äußerst peinlich ist, sondern er sie auch aufrichtig bereut. René O, einer der Betroffenen, hielt ihm noch mal in der Verhandlung vor, dass der größte Schaden bei den arglosen Besuchern angerichtet wurde, die an diesem Abend im La Leander eigentlich das „Musikalische Sonntagsrätsel“ besuchen wollten: „Für viel junge Homosexuelle war es das erste Mal, dass sie einen derartigen Gewaltausbruch mit schwulenfeindlichen Beschimpfungen erlebt haben. Das war doppelt schockierend, denn das La Leander gilt eben auch als Schutzraum, in dem die Jungs und Mädchen ihre ersten realen Schritte in queere Lebensvielfalt machen.“

Für den zweiten Zeugen Martin S., der damals mit anderen zusammen den äußerst sportlichen Täter vor die Tür setzte, betonte seine Erleichterung über den Abschluss des Verfahrens und den vorherigen Täter – Opfer - Ausgleich. „Mir war es wichtig, meinen finanziellen Schaden, den ich durch die Behandlung meiner Verletzungen erlitt, so schnell wie möglich ersetzt zu bekommen.“ Die Richterin stellte dann auch das Verfahren gegen zusätzliche Zahlung von 500 Euro an die Staatskasse ein. Dieses kann als sehr mild angesehen werden, da auch Widerstand gegen die Vollstreckungsbeamte im Spiel war.

Die fachliche Betreuung dieses erfolgreichen Täter-Opfer-Ausgleichs erfolgte durch den Potsdamer Verein Katte e.V. Seit einigen Jahren berät der Verein auch Opfer homophober Gewalt. Carsten Bock, der das Projekt leitet, erklärt: „Über das AGNES – Projekt bearbeiten wir zirka 20 Fälle jährlich. Die Themen reichen hierbei von Übergriffen in Szenevierteln in Berlin, über Mobbing am Arbeitsplatz bis hin zu Morddrohungen in studentischen Wohngemeinschaften.“ Mit Fortbildungen über den Weissen Ring e.V. und als jahrelanger Leiter einer Potsdamer Schiedsstelle hat er reichhaltige Erfahrungen beim Täter–Opfer–Ausgleich und der Beratung von Opfern krimineller Akte. Für ihn ist besonders wichtig, dass „bei Vorfällen dieser Art intensive Gespräche geführt werden, um so ein Nachdenken und eine Auseinandersetzung mit diesem Thema bei den Tätern und eine emotionale Aufarbeitung bei den Opfern zu erreichen.“

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Einen schalen Nachgeschmack hinterließ im Nachgang allerdings der Umgang der Landeskoordinierungsstelle für LesBiSchwule Belange (LKS) mit dem Vorfall. Obwohl der Täter-Opfer-Ausgleich bereits abgeschlossen war, setzte der Trägerverein Andersartig e.V. eine Mahnwache zum Internationalen Tag gegen Homophobie am 17.5.2009 vor dem La Leander an – ohne mit den Betroffenen zu reden oder das La Leander einzubeziehen. Noch grotesker war die Einladungspolitik: Ausschließlich Vertreter der Linkspartei wurden als Redner geladen. Jirka Witschak ist noch heute sauer über diesen Umgang: „Die jahrelangen Forderungen nach qualifizierter Beratung für Lesben und Schwule in Notsituation wurden von der LKS ignoriert – übrigens genauso wie die begründete Forderung nach einer Fluchtwohnung für junge Schwule und Lesben in Potsdam – und dann dieser Versuch der Instrumentalisierung. Die Ächtung homophober Gewalt ist kein Monopol einer einzelnen Partei.“

Das Team des Leanders reagierte damals jedenfalls kurzfristig und lud eigenständig Vertreterinnen der SPD und der Grünen zur Mahnwache. Außerdem organisierte das La Leander für diesen Tag als Reaktion eine „Weiterbildungsveranstaltung“. Margot Schlönzke und Ginnifer Hartz übernahmen als Agentinnen des „Staatsministeriums für Tuntensicherheit“ (TunSi) per Lautsprecheranlage nicht nur die Moderation der unabgesprochenen Mahnwache, sondern boten den Interessierten außerdem im Anschluss den Erwerb des TunSi-geprüften „Homo-Diploms“ an. Niemand von der LKS nahm die Chance wahr, sich auf „ordentliche Homosexualität“ überprüfen zu lassen. Stattdessen behauptete Gabriele Kerntopf von der LKS bei einer Sitzung der sogenannten „Initiative CSD – Land Brandenburg“ ein halbes Jahr später gegenüber dem versammelten Gremium, „dass die TunSi die ganze Mahnwache ins Lächerliche gezogen hätte.“ Ginnifer Hartz kommentierte später trocken: „Kerntopf vergisst, ist dass ich eines der Opfer war - und deshalb angegriffen wurde weil ich eben Tunte bin. Ich lasse mich nicht instrumentalisieren. Und eine Hexenjagd auf jemanden, der sich aktiv um Wiedergutmachung bemüht, ist nicht mit dem demokratischen Rechtsstaat vereinbar.“

„Die schwerste Hypothek trägt Oliver S. selbst. Er muss sich das Vertrauen und die Achtung seiner Mitmenschen trotz Verfahrenseinstellung erst wieder erarbeiten - aber diese Chance sollte ihm auch gewährt werden“, so René O. nach der Verhandlung. Dies sahen übrigens die anderen Zeugen und Betroffenen genauso.

Nachtrag: Einige Daten zu homophober Gewalt in Brandenburg 2006/2007

• 456 Fälle von Vorfällen antischwuler Gewalt sind dem MANEO – Projekt aus Brandenburg angezeigt worden. Der Polizei dagegen nur 159 Vorfälle. Dies ist nur die Hälfte wie im Bundesdurchschnitt.
• Homosexuelle in Brandenburg werden im Vergleich zum Bundesdurchschnitt öfter angepöbelt, beleidigt und beschimpft. • Es werden deutlich mehr Jugendliche Homosexuelle in Brandenburg angegriffen als Ältere. Dies ist ganz offensichtlich darauf zurückzuführen, das ältere Lesben und Schwule, weniger in der Öffentlichkeit sichtbar sind als junge Menschen. Die Angst vor dem Entdeckt werden und tritt in der Gruppe älterer Homosexueller wesentlich deutlicher zu Tage. Der Versuch der Anpassung an heterosexuelle Normen ist hier offensichtlich Überlebensstrategie. Jugendliche die nicht der Norm ihres Umfeldes entsprechen sind angreifbar!
• In Brandenburg gibt es doppelt so viele Täter mit rechtem Hintergrund als im Bundesdurchschnitt. Täter mit Migrationshintergrund sind dagegen nur halb so stark vertreten.
• Lesben und Schwule „outen“ sich wesentlich weniger in Ihrem Alltagsumfeld als im Bundesdurchschnitt. Es werden wesentlich mehr Lesben und Schwule angegriffen die offen homosexuell leben.

 

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