Die Bravo - Das war Platin-Status

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Interview der Märkischen Allgemeinen Zeitung mit Jirka Witschak (Bündnis Faires Brandenburg) anlässlich der Ausstellungseröffnung "BRAVO - 50 Jahre Aufklärung und Aufregung" in der SPD Landtagsfraktion. Die Ausstelung wurde im Rahmen des CSD Potsdam 2014 gezeigt.

MAZ: In der „Bravo“ geht es sehr oft um die erste Liebe. Bei wem haben Sie zum ersten Mal Schmetterlinge im Bauch gehabt?
Jirka Witschak: Ich war tatsächlich in Dirk Schreiber verliebt. Er war in meiner Klasse, hatte Sommersprossen und war rothaarig – ein Traum von einem Mann. Ich fand ihn total toll. Das muss so 1980/81 gewesen sein. Ich war ungefähr zehn oder elf Jahre alt.

MAZ: War es eine glückliche Liebe?
Witschak: Es bahnte sich tatsächlich langsam etwas an. Wir freundeten uns an, er wohnte in meiner Nähe. Dann war er eines Tages weg – er war mit seiner Mutter ausgereist in die BRD.

MAZ:Das Land, das auch die „Bravo“ hervorgebracht hat, mit der Generationen von Jugendlichen „Doktor Sommer“-sozialisiert wurden.
Witschak: Die „Bravo“ gab’s natürlich auch in der DDR, aber das war „Feindpropaganda“. Alles, was nach Propaganda oder Werbung aussah, war zumindest in der Schule verboten. Ich hatte mit all dem auch nicht so viel zu tun, weil meine Familie ja fest zum sozialistischen Staat stand. Trotzdem war man natürlich neugierig, wie das mit Sex geht. Diejenigen in der Schule, die die „Bravo“ hatten, hatten auch viele Freunde. „Bravo“ – das war Platin-Status. Wer so ein Heft mitbringen konnte, das dann heimlich in den Pausen unter der Bank gelesen wurde, war ein Held.

MAZ: War die „Bravo“ , die ja mehr für die Foto-Love-Story zwischen „süßem Girl“ und „coolem Typ“ bekannt war, für die Selbstfindung eines schwulen Teenagers überhaupt bedeutsam?
Witschak: In den 80er Jahren war das schon eine Hilfe, durchaus. Wenn ich an meine eigene Situation damals zurückdenke, dann war ich sehr auf der Suche. Plötzlich fühlte man sich ganz allein auf der Welt. Man konnte oder wollte ja auch nicht mit den Eltern darüber reden. In den Schulbüchern ging es immer nur um das Ideal der sozialistischen Familie. Es gab kaum Hinweise darauf, dass so etwas wie Homosexualität existiert. Im Biologiebuch gab es im letzten Kapitel eine Überschrift: „Homosexualität und andere Krankheiten“. Und plötzlich war da diese „Bravo“, die über Jimmy Somerville von „Bronski Beat“ und ihren Hit „Smalltown Boy“ berichtete – das war schon ein Signal!

MAZ: Worum ging es bei dem Lied?
Witschak: Um einen „Kleinstadtjungen“, wie der Titel schon sagt, der sich als homosexuell outet und daraufhin zusammengeschlagen wird. Anschließend verlässt er die Stadt. Der „Bravo“-Artikel über das Lied wurde von meinen Mitschülern heiß diskutiert. Ich habe ganz genau beobachtet, wie sie auf „Smalltown Boy“ reagiert haben. Das total Spannende war, dass sie sich in meiner Erinnerung eigentlich gar nicht so sehr darüber lustig gemacht haben. Trotzdem habe ich mich nicht getraut, mich zu outen, was mich ganz schön innere Kämpfe gekostet hat. Ich wünsche mir auch auch heute noch, dass ich damals im Bio-Unterricht, als es um „Homosexualität und andere Krankheiten“ ging, aufgestanden wäre und gesagt hätte: „Ich bin homosexuell, aber ich bin nicht krank!“

MAZ: Wahrscheinlich wäre das in den 80er Jahren auch noch eine echte „Bombe“ gewesen mit unwägbaren Konsequenzen.
Witschak: Ja, die Grundstimmung war einfach ganz anders als heute. Offiziell hatte die DDR zwar den Paragraph 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellt, in den 1960er Jahren abgeschafft. Trotz der Abschaffung wurde aber Homosexualität weiter stigmatisiert. Ich kenne einige schwule Männer, die nie in ihrem Umfeld darüber gesprochen haben und ihren Freund immer als „Kumpel“ vorgestellt haben. Der klassische Satz war: „Was ich in meinem privaten Umfeld mache, geht niemanden etwas an.“ Wenn so etwas herauskam, drohten im Beruf zum Beispiel Strafversetzungen. Es gab so Nischenberufe wie Kellner, Frisör, Koch, wo viele schwule Menschen unterwegs waren.

MAZ: Gab es eigentlich in der DDR bekannte Persönlichkeiten, von denen man zumindest munkelte, dass sie homosexuell sein könnten?
Witschak:  Max Fechner ehemaliger Justizminister wurde 1953 aufgrund des § 175 von seinem Amt enthoben. Das geht aus den Stasiunterlagen hervor.

MAZ: Aber auch im Westen galt Homosexualität ja lange als verdammenswürdig. Hat die „ Bravo“ in ihrer mittlerweile fast 60-jährigen Geschichte da dagegengehalten?
Witschak: Unterschiedlich. Anfangs war die „Bravo“ genauso voreingenommen wie der Rest der BRD. In dem allerersten Artikel, der überhaupt über Homosexualität gebracht wurde, ging es um einen Film „Anders als du und ich (§ 175)“ von Veit Harlan aus dem Jahr 1957: Ein junger Mann aus gutem Haus verliebt sich in einen Mann „mit widernatürlicher Veranlagung“, wie die „Bravo“ schrieb. Auf Druck der Eltern muss der junge Mann dann ein Verhältnis mit dem Dienstmädchen anfangen.

MAZ:Wie ging es nach der Sexuellen Revolution in den 60ern weiter?
Witschak: Die „Bravo“ war zum Beispiel das erste Magazin, das einen „echten“ jungen Homosexuellen im Foto zeigte. Davor hatte man als Bebilderung für Artikel immer so unkenntliche Bilder, wo die jungen Männer mit dem Rücken zur Kamera sitzen oder wo das Gesicht ganz verschämt in Schatten getaucht war. Außerdem hat das berühmte Team  „Doktor Sommer“ damals versucht, die Anfragen der Leser zum Thema relativ ordentlich und unvoreingenommen zu beantworten. Das hat eine ganze Generation beeinflusst und dadurch auch Auswirkungen auf die heutige Politik und Gesellschaft gehabt.

MAZ: Apropos Politik. Die „Bravo“-Ausstellung ist in den Räumen der SPD-Fraktion im Landtag zu sehen. Warum?
Witschak: Ich mache schon seit elf Jahren Ausstellungen in der Fraktion, immer zu wechselnden schwul-lesbischen Themen. Dass wir jetzt im neuen Landtag zu Gast sind, amüsiert uns natürlich sehr. Während sich die Brandenburger über das Rot und Weiß des Adlers im Plenarsaal streiten, finden wir das quietischige Rosa des Landtags viel bedeutsamer.
Interview: Ildiko Röd (MAZ)

Mit freundlicher Genehmigung der Märkischen Allgemeinen Zeitung


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BravoAusstellung

 Aufregung und Aufklärung - 50 Jahre Schwule und Lesben in der Bravo.

Seit Mitte der 1950er Jahre hat das Jugendmagazin "Bravo" Generationen von Jugendlichen in Deutschland aufgeklärt. Trotz Verbots gelangten auch in der DDR Exemplare auf illegalem Wege zu jungen Leserinnen und Lesern. Wie ging die "Bravo" mit dem Thema Homosexualität um? Die vom Kölner Bibliothekar und Historiker Erwin In het Panhuis kuratierte Austellung schildert, wie das Magazin darüber im Wandel des Zeitgeists berichtete. Auf Bildtafeln wird das Zusammenwirken von Emanzipationsbewegung und Unterhaltungsindustrie beleuchtet. Die Ausstellung dokumentiert endrucksvoll den langen Weg, bis Homosexualität in unserer Gesellschaft als etwas ganz Normales angesehen wurde.

Zur Teilnahme an der Ausstellungseröffnung melden sie sich bitte an unter:

www.spd-fraktion.brandenburg.de/termine

03. April 2014, 12:30 Uhr,
Landtag Brandenburg, SPD-Landtagsfraktion, Alter Markt, 14467 Potsdam 

 Wissen wo es hingeht, queeres Potsdam - Stadtplan

 Das Projekt wurde mit Mitteln aus der Lottokonzessionsabgabe des Ministerums für Arbeit, Soziales, Familie und Frauen gefördert. Das Projekt wurde vom Bündnis Faires Brandenburg e.V. begleitet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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