Ein Tag in der HIV-Ambulanz des Bang Lamung

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Alarmierende Bilanz aus den schwulen Zentren Bangkok und Pattaya in Thailand - jeder zweite schwule oder transsexuelle Jugendliche ist dort innerhalb von 5 Jahren HIV-infiziert - schon jetzt sind ca. 1,2 Millionen Menschen betroffen, bereits fast 500.000 Tote durch HIV in Thailand.

Normalerweise wäre das Kreiskrankenhaus in Bang Lamung mit seinen ca. 150.000 Einwohnern -welches ungefähr auch der Bevölkerung Potsdams entspricht- nichts Außergewöhnliches. Nur hier ist alles anders - gilt doch der ehemalige Fischerort Pattaya, der von den US-Soldaten während des Vietnamkrieges zum Erholungsort entwickelt wurde bis heute als Sehnsuchtsort vieler armer Thailänder nach einer Verbindung mit einem reichen Ausländer. Für viele, im wirklichen Leben sexuell frustrierte Amerikaner und Westeuroper, gilt der Ort als Fundgrube für lebensfreudige Thailänderinnen und Thais und ist einer der Hotspots von Spaß- und Sextouristen weltweit schlechthin. 

Die Gemeinde (Amphoe) Bang Lamung mit seinen drei Schwulenvierteln Boyztown, Sunee Plaza und Jomtien Complex ist Pattaya (www.gaypattaya.de) mit unzähligen Bars, Diskotheken und Gogotanzclubs auch weltweit eine der führenden Reiseziele vor allem älterer westeuropäischer schwuler Touristen und junger schwuler Russen und Chinesen mit jährlich fast 1.000.000 Besuchern, die dort eben nicht nur wegen des Wetters oder der schönen Landschaft hinfahren.

Nach Auskunft der Schwestern am Bang Lamung Hospital sind fast 4.000 HIV-Patienten (zumeist Thais) dort in Behandlung, die im Wege der staatlichen Gesundheitsprogramme regelmäßig untersucht und für 30 Bath/Monat (1 EUR) fast kostenlos mit Antiretroviralen Therapien (ART) versorgt werden. Auf Grund der Organisation des thailändischen Gesundheitswesens kommen dazu noch ein paar tausend Thais, die nur während der Touristen - Hauptsaison (Nov-April) in Pattaya leben und daher die kostenfreie ART nur über ihr örtlich zuständiges Heimatkreis- oder Provinzkrankenhaus bekommen.


Ausserdem leben ja auch viele Ausländer (Expats) für längere Zeit oder für immer in Pattaya, die entweder eine private Krankenversicherung haben und somit über zwei der 4 privaten Krankenhäuser Pattaya International Hospital oder Bangkok-Pattaya Hospital (ADAC-Empfehlung) versorgt werden, wobei letzteres sich durch eine sehr große Infektionsabteilung mit fast 10 Arztstellen auszeichnet. Viele Ausländer bringen sich ihre Medikamente aus ihrem jeweilligen Heimatland mit. Insgesamt geht man im Bang Lamung Hospital von ca. 10.000 Menschen mit HIV unter Therapie in Pattaya bei einer Dunkelziffer von ca. 50% aus - so dass man mit einer Infektionsquote von 10% der Gesamtbevölkerung  in Bang Lamung rechnen muss.


Die HIV-Ambulanz, die für die Versorgung der HIV-Patienten zuständig ist - befindet sich in einem Extra-Gebäude links neben dem eigentlichen Bang Lamung Hospital. Jeden Mittwoch ist dort um 8:00 Uhr der zentrale HIV-Untersuchungstag. Waren noch vor anderthalb bis zwei Jahren kaum mehr als 50 Patienten vorstellig - hat man heute um 8:10 Uhr bereits 200 Wartenummern vergeben. Die ersten Patienten -wurde mir gesagt- warten schon ab ca. 5:00 Uhr. Wartezeiten von mehrern Stunden sind üblich.
Der Wartebereich ist eine offene überdachte Terrasse, was sehr praktisch ist - schließlich warten hier ja hochinfiziöse Tuberkulose-Patienten neben kleinen Kindern und Strafgefangenen die mit schweren Fußfesseln gesichert sind - wobei selbst das Gefängnispersonal - das die Häftlinge ins Krankenhaus gefahren hat - sich mit großem Abstand nur im Eingangsbereich der Klinik aufhält.
Als erstes werden nun die Wartenummern zur Eingangsuntersuchung aufgerufen. Neben Fieber- und Blutdruckmessung sowie Gewichtsfeststellung, werden dann auch die Unterlagen entgegengenommen die in einem mit allein 6 Schwestern besetzten Backoffice dann bearbeitet werden. Während die ersten nun entsprechend der Wartenummern zur Blutabnahme für die Bestimmung von Helferzellen- und Viruslast aufgefordert werden, erfolgt parallel die Prüfung der Unterlagen.
Wer keine vollständigen Unterlagen vorlegen kann, muss entweder noch mal schnell zur 600 m entfernten Polizeistation Bang Lamung an der Sukumvith Str. um sich für je 20 Bath (50 ct.) eine beglaubigte Kopie seiner Geburtsurkunde oder bei Ausweisverlust eine Identitätsbescheinigung/Ausweisersatz ausstellen zu lassen. Dann wird auch geklärt - welche Untersuchungen ggf. noch durchgeführt werden müssen - z.B. Röntgen der Lunge bei Tbc-Patienten o.ä.


So gegen 11:00 Uhr wird dann auf dem Flur ein kleiner Klapptisch aufgebaut und alle Patienten die das noch nicht haben, nebenbei zur Tetanusimpfung aufgefordert.  Für Aufklärung, Information und Beratung bleibt da leider keine Zeit - Impfausweise hat niemand - es heißt in einer Schlange anstellen und dann wird im Sekundentakt durchgeimpft.
Dafür hat aber jeder HIV-Positive ein kleines Buch, wo alle Werte eingetragen werden. Im Laufe des Nachmittags liegen dann auch schon die Laboruntersuchungen vor, so dass man nun zur eigentlichen ärztlichen Untersuchung kommt. Hier erfolgt der Aufruf auch nach Namen - wobei die Schlange der Wartenden noch immer Lang ist.
Gegen 16:00 Uhr wird es dann langsam ruhiger - das Gefängnispersonal hat mittlerweile die Häftlinge wieder eingesammelt, aber mit den schweren Fußketten die sie selbst mühsam hochhielten, wären sie eh nicht weit gekommen - und auch die zusätzlich aufgestellten Plastestühle konnten nun zusammengeräumt werden. Um 17:00 Uhr haben die beiden Ärzte nun auch den letzten Patienten versorgt - mit knapp 3 Min. pro Patient und jeweils fast 160 Patienten in der Sprechstunde, war das heute ein eher ruhiger Tag, wie mir die Schwestern versicherten.
Die Abgabe der vorgezählten Medikamente und der Gang zur Kasse um die obligatorischen 30 Bath zu entrichten, führten dazu, dass die letzten Patienten - die erst kurz nach 8 kamen erst nach 18 Uhr das Krankenhaus wieder verliessen.

 

 



Wobei dieses - im besonders von vielen Deutschen bewohnten Vorort Naklua gelegene Krankenhaus ja nur für die Patienten mit einer Karte der National Health Security Office pflichtweise zuständig ist. Aber auch für viele ausländische Angestellte in thailändischen Firmen ist dies die erste Anlaufstelle im Rahmen einer staatlichen Gesundheitsversorgung - nähere Infos unter www.nhso.go.th -
Ansonsten kann man sich hier natürlich auch anonym für 100-200 Bath (2,50-5,00 EUR) auf alle möglichen sexuell übertragbaren Krankheiten untersuchen lassen - was im Privaten Bangkok-Pattayahospital ca.10-mal so teuer ist.
Weitere Ansprechpartner gerade für Menschen ohne Krankenversicherung ist der in Pattaya lebende und kostenlos behandelnde französische Arzt Dr Philippe Seur, der dort die Stiftung Heartt (Help Ensure AIDS Rescue Together in Thailand) www.heartt2000.org betreibt. Er spricht engl./franz. und thai und ist zu erreichen Dr. Philippe Seur, 154/14 M.10 Thappraya Road Soi 5, Interhouse Village, Pattaya City, 20260
Thailand. e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.  
Ebenfalls Mittwoch betreut die Ärztin Dr. Jureerat am zuständigen Bezirkskrankenhaus Chonburi Hospital HIV-Infizierte. Zu erreichen ist sie per Email: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. und telefonisch 01.344.6180.
Nach Informationen des thailandischen Gesundheitsministeriums sind mittlerweile in den ersten 5 Jahren, wenn schwule und trans-Jugendliche die Schule verlassen und nach Bangkok oder Pattaya zum Arbeiten kommen, jeder zweite HIV-Positiv.
Gerade deshalb ist nun die Gesellschaft besonders gefordert , darauf zu reagieren.
Dabei setzt man in Thailand auf eine dreispurige MSM-Prävention.
1. Online Prävention incl. Terminvereinbarung zu Testterminen über schwule Plattform adamslove.org  sowie Aufforderung zu regelmässigen Tests -  Testempfehlung jetzt alle 3 Monate !!!
2. Schutz durch Therapie - möglichst umfassender und schneller Therapiebeginn aller Betroffenen
3. Vorbeugende Behandlung (Prep) mittlerweile für 30Bath am Tag (0,75 ct.)  für MSM mit Risikokontakten - z.B. in der Redcrossclinic in Bangkok - http://en.trcarc.org/

 

Am auffälligsten an diesem Tag in der HIV Ambulanz für mich war, dass es keinerlei gedruckte Informationen für die Betroffenen gab. Etwas unwirsche Antwort einer Schwester - das hält nur zu sehr auf bzw. lenkt davon ab, was man ihnen sagt.
Zur Sicherheit gibt es immerhin Beutel mit je 20 Kondomen kostenlos zum mitnehmen - womit man schon weiter als in vielen anderen Ländern sei. Außerdem wären die Verhältnisse in Thailand nicht zu vergleichen - schließlich besuchen dort nur 10% aller Schüler weiterbildende Schulen - was viel zu wenig ist - dies reicht nicht mal um die eigenen Fachkräfte abzudecken. Die meisten verlassen die Schule mit mehr oder weniger Erfolg - zumal in den thailändischen Familien Bildung keinen hohen Stellenwert hat - selbst ich wurde gerade auf dem Land oft einzig nach der Größe meiner Muskeln taxiert und bewertet... In sofern erklären sich dann auch die große Anzahl von Infektionen direkt nach Verlassen des Elternhauses, auf Grund mangelnder Kontrolle und mangelnder Bildung - wobei die Eltern die Kinder aber auch oft auch aus Geldmangel zu risikohaftem Verhalten animieren (https://www.aidsmap.com/Half-of-young-gay-men-in-Bangkok-who-arent-consistent-condom-users-acquire-HIV-within-five-years-of-starting-sex/page/2895400/)
Auch sind die Thai-MSM auf Grund oft verbreiteter Diskriminierung zumeist nur im Internet geoutet - weshalb die Ausgabe der durchaus z.B. bei Aidsmap vorhandenen Informationen in Thailändisch sich nicht lohnen würde - da setzt man eher auf Onlineprävention z.B. bei adamslove.org -  was eine Studie vom April 2015 auch zu bestätigen scheint. http://www.amfar.org/uploadedFiles/_amfarorg/Articles/Around_The_World/TreatAsia/2015/Anand_Adams-Love-outcomes_JVE_Apr%202015.pdf

Carsten Bock - Katte e.V. Potsdam - alle Bilder eigene

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