I killed my Mother

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Persönlichkeitsanarchie
 
Ein junger Typ nimmt seine kleine Kamera mit ins Badezimmer, schließt die Tür ab, bringt die Kamera in Position, startet die Aufnahme, setzt sich davor und beginnt zu sprechen: „Ich habe meine Mutter getötet“, sagt er und beginnt über das Verhältnis zu seiner Mutter zu relfektieren. Dieser Kerl ist viel zu schön für das dröge Badezimmer um ihn herum. Überhaupt scheint diese Wohnung, in der er lebt, grässlich eingerichtet zu sein. Plüschig im anstößigen Sinne, peinlich auf schmerzhafte Weise; Leopardenmuster auf dem Lampenschirm. Er passt hier schon rein optisch nicht hinein.
 


Die jugendliche Schönheit, dieses ideale Gesicht, dieser doppelbödige Blick, diese hinreißende, schwarze, lockige Frisur, das alles beißt sich akut mit dem Wohnambiente. Und er, Hubert, weiß das. Eigentlich ist auch der Name unpassend. „Hubert“ (deutsch ausgesprochen), darunter stellt man sich jemand völlig anderen vor als „Hubert“ (französisch ausgesprochen). Hubert weiß um seine Qualitäten. Das Bewusstsein darüber, dass sein Zuhause in erheblichem Widerspruch zu seinem Selbst steht, muss früh da gewesen sein. Und jetzt, wo er bald 17 wird, sprudelt es förmlich aus ihm heraus. Hass, unerbittlicher Hass und grandiose Antipathie steigen in ihm auf, wenn er die Innenarchitektin seines Zuhauses und seines Lebens morgens beim Frühstück dabei beobachten muss, wie sie auf ekelhafte Weise ihr Brötchen in sich hinein mampft: Mutter.

"Für die meisten Menschen ist es eine Sünde, ihre Mutter zu hassen. Das sind für mich Heuchler. Sie haben ihre Mutter bestimmt auch mal gehasst. Vielleicht eine Sekunde, vielleicht ein Jahr. Vielleicht länger, vielleicht haben sie's vergessen, ist mir egal. Aber sie haben sie gehasst!" (Hubert Minel)
Hubert ist noch mitten drin im Hassen. Für einen Schulaufsatz erklärt er seine Mutter kurzerhand für tot und mach sich selbst zur Waise. Huberts Lehrerin kommt der Lüge bald auf die Spur und stellt ihn zur Rede. Doch Hubert hat gewinnenden Charme und er ist clever. Schnell macht er aus der toten Mutter eine schlechte Mutter. Die Lehrerin kauft es ihm ab. Julie, so ihr Name, versteht den stürmischen Geist in Hubert und sie erkennt ihn und sein schriftstellerisches Talent an. Es entwickelt sich eine Freundschaft. Das Drehbuch hat die Antipodin zu dem installiert, was Zuhause auf Hubert wartet.

Zu Hause sitzt seine dröge Mittelschichts-Mutter in ihren unvorteilhaften Klamotten auf der Augenkrebs verursachenden Couch, stopft Kartoffelchips in sich hinein und will unbedingt ihre Lieblingstalkshow gucken, anstatt sich Huberts Wunsch anzuhören: Er möchte ausziehen, in eine eigene Wohnung. Logisch. Sie ignoriert das. Auch logisch.
Die Ignoranz der Mutter gegenüber den Nöten des Zöglings treibt den auf die Palme. Er ist sauer, nicht nur sauer: Er brüllt, keift hysterisch, wirft mit allem Unheil der Welt nach ihr. Sie reagiert mit stoischer Ignoranz. So wie sie eigentlich fast immer reagiert, wenn sie nicht auch zurückbrüllt. Brüllen ist in diesem Film die zentrale Kommunikationsform zwischen den beiden Hauptfiguren. Man verfolgt es zuerst entgeistert und zunehmend begeistert.

I KILLED MY MOTHER – das ist ein in jeglicher Form furioses Kinodebüt. Dezidiertes (nicht-heterosexuelles) Anti-Mainstream-Kino, welches - atemberaubend selbstbewusst, dreist und überzeugend - seine Geschichten über alltäglich-sonderbare Typen zwischen Borderlinesyndrom, Coming-Of-Age, Persönlichkeitsanarchie und schlichter Suche nach Liebe und Zugehörigkeit erzählt. Mit 16 geschrieben, mit 18 realisiert und gleich selbst gespielt von dem Francokanadier Xavier Dolan.
Entfant terrible, Wunderkind – das Blabla für junge Talente kann man sich in diesem Fall schenken. Hier macht einer schlicht und ergreifend rücksichtslos großartiges Kino. Das ist solides Handwerk, gepaart mit künstlerischem Anspruch und dem Vermögen, diesen Anspruch auch auf der Leinwand überzeugend umzusetzen, und nicht nur zu behaupten.

Seine exzellent dreist durchkomponierten Bilder, ihre flirrende Lebendigkeit und ihre sagenhafte Kitschigkeit zeugen von einem Kinofetischisten, der sich geradezu manisch dem Filmemachen unterworfen zu haben scheint und keinerlei Kompromisse zulässt. Xavier Dolan scheint dröges Erzählkino genauso zu hassen, wie Hubert seine Mutter.
Hält man das aus? Trägt das einen Film? Wird das nicht irgendwann ermüdend? Seltsamerweise nicht. Xavier Dolan entdeckt in diesem Mutter-Sohn-Verhältnis mit Borderlinesyndrom immer noch eine weitere unerwartete Eskalationsstufe. Und er ist klug genug, seine beiden Hauptfiguren aus ihrem fratzenhaften Dasein auch zu erlösen. Da wird es dann unvermutet zärtlich und geradezu liebevoll auf der Leinwand. Mutter und Sohn – irgendwann wollen sie beide nur noch ihren Frieden haben. Denn, so lernen wir in diesem Film, es kommt die Zeit, in der man nichts mehr zu kämpfen hat. Weil der Mensch, gegen den man da in den persönlichen Krieg zog, verschwunden und zu jemand anderem geworden ist. Ein anderer Mensch, mit anderen Geschichten – und Problemen. Aber von denen erzählt der zweite Film Xavier Dolans: LES AMOURS IMAGINAIRES - HEARTBEATS
Dass der schon fertig ist und der dritte Film bereits vorbereitet wird, macht dieses unglaubliche Talent, diesen Wahnsinnigen - vor und hinter der Kamera - zu einem höchst sympathischen Regisseur.



I KILLED MY MOTHER - J'AI TUÉ MA MÈRE
Kanada 2009
96 Minuten
35mm, Farbe & teilw. s/w
Regie, Buch, Produktion: Xavier Dolan
Kamera:    Stéphanie Anne Weber Biron
Musik: Nicholas Savard-L'Herbier
Schnitt: Hélène Girard
Darsteller: Anne Dorval, Xavier Dolan, François Arnaud, Suzanne Clément, Patricia Tulasne


© Bildmaterial: Kool Filmdistribution 2011
© Manuel Schubert, 2011
Text zuerst erschienen auf www.filmanzeiger.de
 

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