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Original Grachtengrün

Warum man nach Amsterdam fahren muss, um Blumenkübel zu streichen

Grachten Gruen

Die Adresse verpflichtet: "La Leander" im Holländichen Viertel wird niederländische Tradition gepflegt. Wohl nirgends sonst werden Auflagen der Denkmalschützer so liebevoll und aufwändig umgesetzt wie in der Szenekneipe.Wirt Jirka "Teufelchen" Witschak tut fast alles, um Behördeneifer zu besänftigen, fuhr zur Materialbeschaffung sogar nach Amsterdam. Aber der Reihe nach.

Zuerst waren es die Werbeschilder am "La Leander", die Bauverwaltung und Denkmalpflege beschäftigten. Amüsante Texte im Stil der 20er Jahre preisen dort Speisen und Getränke an, Fotografien nackter Männer aus der selben Zeit machen die kunsvoll gestalteten Tafeln längst zu Touristenattraktion. Dennoch sollte der bekennende Schwule Witschak zwei der sieben Tafeln entfernen. Einen Termin beim Schiedsmann ließen die Beamten platzen. Witschak nahm eine Tafel ab, eine zweite soll folgen. Eine Genehmigung für den Rest lässt auf sich warten. Reduzieren musste er auch die Zahl der Außentische. "Teufelchen" beugte sich. Blieb aber hartnäckig, als um einen alten, mit Blumen dekorierten Holzwagen ging. "Der hat Denkmalwert und kommt nicht weg", blieb der Wirt stur und setzte sich durch.

Dafür verlangte die Denkmalpflege allen Ernstes einen Anstrich der Blumenkübel vor dem Haus in original "Grachtengrün". Dass die extravagante Farbe in Potsdam nicht zu haben ist, war den Denkmalpflegern durchaus bewusst. Einen Tipp, ob und wo sie überhaupt noch zu kaufen ist, bekam Witschak auch nicht. Farbmix-Experten im Baumarkt zuckten ratlos mit den Schultern. So nutzte der Wirt einen Amsterdam-Besuch, um sämtliche kleinen Farbläden der Altstadt abzuklappern und endlich fündig zu werden. Sechs Blumenkübel gänzen nun in dunklem Grün. Ignoranten könnten es als ordinäres Moosgrün bezeichnen. "Het orginele Grachtengroen" ist deshalb auf einen der Pötte gemalt. Im nächsten jahr sollen Tische; Stühle und Schirme ebenfals in Grachtenfarben erstrahlen. Der Amsterdamer Händler hat noch rot, engelsrot und creme im Angebot.

Der Farbenkauf amüsiert inzwichen das gesamte Holländische Viertel. Haben doch viele der Gewerbetreibenden ihre liebe Last mit den pingeligen Denkmalschützern. "Die machen es einem verdammt schwer" bedauert Kunsttruhen-Betreiber Thomas Abraham. Er musste auf Wunsch von Roland Zurkuhen, dem zuständigen Denkmalpfleger im Viertel, die Fenster seiner drei Häuser in einem Beigeton streichen. Das sei typisch - obwohl fast alle anderen Fenster im Viertel weiß gehalten sind. Den Dachbalken eines Seitenflügels gab Abraham auf Wunsch Zurkuhlens eine Profilierung, versah einen früher schmucklosen Gewerbebau im Hinterhof sogar mit Stuckgesimsen. Nun soll er seine stolz gehegten Kletterpflanzen sowie Giebelbeleuchtungen von der Fassade entfernen und die abgestimmten Werbebuchstaben aus Messing anders platzieren. Das geht Abraham zu weit, dagegen will er kämpfen. Heftig dementiert er allerdings das Gerücht, gewisse Denkmalpfleger hätten in seinem Geschäft mittlerweile Hausverbot. Ein angebliches Hinweisschild am Eingang habe es nie gegeben.


Der Text wurde geschrieben vom Autor K. D. - Grothe für die Märkische Allgemeine Zeitung und erschien am 10. August 2002.

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