Gefahren aus dem Grindrgarten

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[gayBrandenburg-Aktuell] Das Jahr 2016 war für die Rat & Tat - Zentren in Potsdam und in Cottbus in mehrerlei Hinsicht ein Rekordjahr! Der Trägerverein Katte e.V. begrüßte, nach Auswertung der vorläufigen Zahen, insgesamt 215 Test-Klienten in seinen beiden Beratungsstellen. Im Vorjahr waren es noch 160 Menschen, die hier einen HIV - Test oder einen Test auf eine andere sexuell übertragbare Krankheit durchführten. Die Steigerung der Testzahlen ist insofern äußerst bemerkenswert, weil die Gesundheitsämter in Brandenburg seit Jahren teilweise erheblich rückläufige HIV-Testzahlen registrierten.

Neben den erwähnten 215 Klienten, die hier einen HIV-Schnelltest in Anspruch nahmen, die es im Übrigen in Brandenburger Gesundheitsämtern als Schnelltest nicht gibt, hier wartet man in aller Regel 1-3 Tage auf sein HIV-Testergebnis, wurden zusätzlich insgesamt 276 Tests auf Chlamydien, Hepatiden, Tripper, Syphillis & Co durchgeführt. Ergebnis des Test- und Beratungsprojektes, welches in diesem Jahr kurzfristig ab August durch das Brandenburgische Sozialministerium gefördert wurde: fünf reaktive HIV-Tests und 26 reaktive Tests auf andere sexuell übertragbare Krankheiten. Das Land Brandenburg, das sagen die Schätzungen des Robert - Koch - Instituts (RKI) steuert bei den HIV-Neuinfektionen in diesem Jahr auf einen Negativ-rekord zu. Die Rede ist von 80 HIV-Neuinfektionen.

Brandenburg steht im bundesweiten und internationalen Vergleich nicht allein mit diesen hohen Zuwachsraten. Ein ähnliches Bild ergibt sich auch in den USA. Hier wurden etwa 1,5 Millionen Chlamydieninfektionen, 400.000 Gonorrhö- und 24.000 Syphilis-Fälle 2015 diagnostiziert. Auch in Deutschland steigen diese Zahlen. Ein Grund ist ganz klar ausgemacht: Dating Apps. Dank der verstärkten Smartphone-Nutzung der MSM-DatingApps wie Grindr, Hornet, Romeo & Co. erhöht sich auch hier die Anzahl der Sexpartner und damit die ANzahl von Risikokontakten..

STD sind Erkrankungen, die durch vaginalen, analen oder oralen Geschlechtsverkehr von Mensch zu Mensch übertragen werden. Verursacht werden sie durch Bakterien, Viren oder Parasiten. Zu den sexuell übertragbaren Krankheiten zählen unter anderem Syphilis, Hepatitis, Herpes genitalis, AIDS sowie Chlamydieninfektionen. Eine der häufigsten STD in der Praxis ist die klassische Gonorrhö, im Volksmund allgemein als Tripper bezeichnet.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation erkranken in einem Jahr weltweit ca. 106 Millionen Menschen an einer Gonorrhö, die damit die dritthäufigste STD darstellt. Hervorgerufen wird die Erkrankung von einem gramnegativen Bakterium namens Neisseria gonorrhoeae. Beim Mann äußert sich Gonorrhö in einer Harnröhrenentzündung, die relativ einfach zu diagnostizieren ist. Bei Frauen ist die Diagnostik aufwendiger. Diese erfolgt durch einen Urologen mithilfe eines Abstrichs. Behandelt wird Gonorrhö mit Antibiotika. Bei sexuellem Kontakt mit Männern oder Frauen, die man vorher nicht kannte, gehört die Gonorrhö noch zu den harmlosesten Erkrankungen.

barebeckcity

STD in USA und Deutschland
In den USA erkranken laut CDC (Pressemitteilung und „Sexually Transmitted Disease Surveillance Report“) Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 24 Jahren besonders häufig an einer STD. Etwa 65 Prozent der Chlamydien- und 50 Prozent der Gonorrhö-Diagnosen entfielen auf diese Gruppe. Als Risikogruppe gelten zudem Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). 8 von 10 Gonorrhö- und Syphilis-Fälle waren beim „Geschlechtsverkehr unter Männern“ übertragen worden.

In Deutschland sind laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) derzeit Syphilis-, HIV- und Hepatitis B, C, und D-Infektionen meldepflichtig, weswegen für diese Erkrankungen genaue Daten vorliegen. Beispielsweise nahmen laut dem infektionsepidemiologischen Jahrbuch des RKI aus dem Jahr 2016 die Syphilis-Fälle im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent zu. Insgesamt wurde 6.800 Mal die Diagnose „Syphilis“ gestellt. Dies ist der höchste Wert seit 2001. Besonders betroffen waren Großstädte wie Berlin (39 Fälle pro 100.000 Einwohner) und Hamburg (21 Fälle pro 100.000 Einwohner).

Grund für die vielen Fälle in Berlin ist, dass dort mehr homosexuelle Männer leben. Zudem gibt es in einer Großstadt viele Möglichkeiten zur Anbahnung sexueller Kontakte. In den Kleinstädten in Brandenburg dagegen bleiben wir -scheinbar- von den steigenden Infektionszahlen verschont. So kamen fast alle positiven STI-Tests bei Katte im Jahr 2016 aus dem Berliner Umland. Bei den Katte-Beratern nennt man dieses Gebiet inzwischen den "Sex-Bahnring", denn je näher die S-Bahn, desto bessere Date-Möglichkeiten für Jung und Alt.

Die Gonorrhö muss seit etwa 15 Jahren nicht mehr gemeldet werden. Lediglich im Bundesland Sachsen besteht eine Labormeldepflicht. Diesen Daten zufolge verdoppelten sich Gonokokken-Infektionen dort von 6,8 Infektionen/100.000 Einwohner im Jahr 2003 auf 13,7/100.000 Einwohner im Jahr 2011.

Chlamydieninfektionen werden in Deutschland pro Jahr auf 300.000 geschätzt. Auch bei uns haben die CHlamydieninfektionen 2016 zugenommen. Allerdings hat sich auch die Sensibilität und Aufklärung ggü. Chlamydien erhöht. Während man Chlamydieninfektionen früher einfach als bakteriellen Harnwegsinfekt behandelt hat – wird das heute jedoch genauer abgeklärt. Das Ergebnis der erhöhten Tests sind dann eben mehr reaktive Chlamydientests.

Gründe für die steigenden Erkrankungszahlen
Die Zunahmen in den USA laut CDC werden hauptsächlich auf die stattgefundenen Reduzierung der Versorgungsstrukturen in den USA zurückgeführt. Zudem würden „die vorhandenen Versorgungsstrukturen nur unzureichend den Lebenskontext der Nativ-, Afroamerikaner sowie der Menschen mit lateinamerikanischer Abstammung“ erreichen und ein weiterer Grund für die gestiegenen Zahlen ist, dass viele der ärmeren Prostituierten keine Krankenversicherung haben. Da die Prostitution in allen Bundesstaaten bis auf Nevada strafbar ist, dann die Prostituierten noch wenig Geld, keine anständige Krankenversicherung und klinisch keine großen Beschwerden haben, würden sich die sexuell übertragbaren Krankheiten in der Bevölkerung schnell ausbreiten.

Viele wichtige medizinische Präventionsangebote werden entweder von den Versicherten oder Ärzten nicht gut wahrgenommen, bzw. von den Kassen garnicht erst angeboten. So werden die Kosten für den Chlamydien-Früherkennungstest bei Frauen nur bis zum 25. Lebensjahr von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, bzw. einmal auch im Rahmen einer Schwangerschaftsvorsorge. Des Weiteren erstattet die Krankenkasse Impfungen gegen das humane Papillomvirus für 9- bis 14-jährige Mädchen. Was uns fehlt, ist die HPV Impfung für Alle. So empfiehlt Katte schon seit Sommer 2016 auch allen Jungs mit dem neuen HPV 9-fach Impfstoff impfen zu lassen, auch wenn die 2 Impfungen im Abstand von 6 Monaten, noch etwa 350 EUR kosten - sie schützen Jungs nicht nur vor dem HPV indizierten Darmkrebs, an dem Männer sogar häufiger sterben als Frauen, sondern auch vor den warzenbildenden HPV-Stämmen. Auch die nunmehr zugelassene PreP gegen HIV ist mehr und mehr ein Thema - in ungefähr jeder 3. Testberatung bei Katte kamen die Klienten auf das Thema PreP zu sprechen, die wegen der ungeklärten Finanzierung zumindest bis zum Ablauf des Patents von Truvada im Herbst 2017 für viele unerreichbar bzw. nicht finanzierbar ist.

scruff

Wie gefährlich sind Internet und Handy?
Internet und Co. beeinflussen die STD-Erkrankungszahlen in Brandenburg. Nach Einschätzung von Katte e.V. ist einer der Gründe für die gestiegenen STD-Erkrankungszahlen 2016 die verstärkte Nutzung von Dating-Apps, denn diese würden die Zahl der Sexualpartner deutlich erhöhen. Auch wenn man dabei natürlich nicht andere Sexpartner kennenlernt, als an anderen Orten wie auf der Strasse, in der Disco oder Bar ja auch - allein durch die höhere Anzahl erhöht sich hier auch das Risiko. Zudem sind viele User der Meinung, dass man sich kenne und daher auf Kondome verzichten könne. Auch das Smartphone, das heutzutage die meisten ständig bei sich tragen, erleichtert die Anbahnung sexueller Kontakte. Während man früher dann doch die Fahrt in die nächste Stadt, zur Party oder auch nur die intensive Suche im Internet unter der Woche als zu aufwendig angesehen hat, werden einem heute die verfügbaren Sexpartner quasi metergenau in der Entfernung angezeigt, wodurch sich dann doch schneller ein kurzes Date vereinbaren lässt. Dabei gibt es neben den großen Flagship-Portalen wie Grindr, Hornet oder Romeo auch noch eine Anzahl verschiedener kleinerer meist spezialisierterer Datingportale, wo sich dann ohne Angst vor entsprechendem Outing auf den anderen Portalen mit anderen Bildern und persönlichen Angaben auch für riskantere Praktiken schneller ein geeigneter Sexpartner finden lässt, Beispiele hierfür sind Scruff für die BDSM Freunde, BBRT für die Barebackliebhaber oder Tyte von Gayroyal für ältere MSM.

Riskante Praktiken
Auch das Risikoverhalten in bestimmten Peer-Groups scheint zuzunehmen. Das „Slamming“, der intravenöse Konsum synthetischer Drogen, oder auch Chem-Sex (Geschlechtsverkehr unter Drogeneinfluss) haben Deutschland längst erreicht, kommen im Großraum Berlin vielfach vor und tragen auch in Brandenburg dazu bei, dass Fälle von STD vermehrt auftreten. Im Bezug auf HIV-Infektionen sind auch sog. sero-adaptive Verhaltensweisen bei MSM immer mehr verbreitet. Dabei werden Sexualpraktiken zwischen den Partnern anhand des HIV-Status ausgewählt. Dies kann das sog. Sero-Sorting (Sexualpartner passend zum eigenen HIV-Status), das Beenden des ungeschützten Analverkehrs vor der Ejakulation oder das Sero-Positioning sein. Bei Letzterem werden bestimmte sexuelle Positionen (eindringender bzw. aufnehmender Partner bei ungeschütztem Analverkehr) im Hinblick auf den HIV-Status ausgewählt. Wird während des Geschlechtsverkehrs auf Kondome verzichtet, können diese Praktiken jedoch das Risiko für eine STD erhöhen. Vor extragenital übertragenen STD (z. B. durch Schmierinfektion) schützt Safer Sex mit Kondomen allerdings auch nicht. Beispiel hierfür ist Syphilis oder Tripper.

Was können wir tun?
Das RKI rät neben besseren Informationen dazu, dass MSM sich – abhängig von ihrem Risikoverhalten – alle drei bis zwölf Monate neben HIV auch auf STD wie Syphilis sowie Chlamydien- und Gonokokken-Infektionen untersuchen lassen sollten. Um ein Ansteigen der STD-Erkrankungszahlen zu vermeiden, ist es nämlich besonders wichtig, das Risikoverhalten zu verändern und eine STD möglichst früh zu diagnostizieren.

Immer noch sind Gespräche über das eigene Sexualleben – auch mit dem Arzt – mit Scham, Zurückhaltung und Tabus verbunden. Nur akzeptierten freien Trägern gelingt es, dass eine Kommunikation in diesem Spannungsfeld zwischen Tabu und Hilfsanspruch – vertrauensvoll und ohne moralische Vorbehalte erreicht wird, und das besonders in dem Bereich der Hochrisikogruppen wie MSM, Prostitution oder Drogengebraucher.

Wie geht es weiter?
In Brandenburg steht die HIV/STI-Prävention nach wie vor auf wackligen Füßen, immer sich am Abgrund bewegend. Das betrifft, nicht nur, aber insbesondere die beiden stark frequentierten Beratungsstellen Rat & Tat Potsdam und Cottbus, welche jedes Jahr immer wieder kurz vor dem Aus stehen und wegen ausbleibenden Förderungen ständig neu um ihre Existenz fürchten müssen. Wirkliche Alternativen zu den Test- und Beratungsangeboten der Rat & Tat - Zentren gibt es weder in der Landehauptstadt oder im Land selbst. Das liegt vor allem an der Einmaligkeit der vielfältigen HIV/STD-Testangebote, neben den zwei Möglichkeiten des HIV-Schnelltests und dem nur dort erhältlichen HIV-Antigentest, den man schon nach 2 Wochen machen kann, gibt es eben nur hier umfassende Schnelltests auf alle möglichen anderen sexuell übertragbaren Krankheiten, wie Syphillis, Chlamydien, Tripper, Hepatitis B+C. Sogar allgemeine Harnwegsinfektionen können seit 2016 hier getestet werden. Ein "exclusives" Angebot, dass zudem auch die Zielgruppe der Männer, die Sex mit Männern habe, besser anspricht, als jedes Gesundheitsamt oder andere freie Träger, denn im Falle der Krisenintervention können in Potsdam Tests für jeden Wochentag zwischen 10 und 20 Uhr ermöglicht werden - eine Leistung, die sonst kein anderer Leistungsträger bietet.

Die defizitäre Förderung hat aber auch noch andere unangenehme Folgen: Gute Leute rein ehrenamtlich zu finden und diese dauerhaft zu motivieren ist kaum möglich, wenn die Perspektive nicht über das Jahr hinaus zu sehen ist. Das ist insbesondere schmerzhaft, weil der Verein mit rund 25 derzeit aktiven Freiwilligen eine der grösseren Freiwilligenorganisationen und auch einer der größten Beschäfigungsgeber auf dem Gebiet ist. Über den Bundesfreiwilligendienst stehen monatlich 6-8 Mitarbeitende für einzelne Projekte zur Verfügung. So wird die Öffentlichkeitsarbeiteffektiver und professioneller oder Informationsstände oder Veranstaltungen können vermehrt organisiert werden. Carsten Bock, Vorstandssprecher des Vereins, meint: Die ständige Ablehnung bzw. öffentliche Diskussion um den Nutzen der Förderung bzw. den Sinn der Fortführung der Projekte ist ein Schlag ins Gesicht all der Freiwilligen, denen man damit quasi sagt - wir als Land brauchen Euch und eure Arbeit nicht. Die direkte Folge der Unsicherheiten bei der Förderung spürt nun wiederum Cottbus zuerst, denn der erst ab Mitte 2016 eingeführte 2. HIV/STD-Testtag muss nun wegen fehlender Förderung erstmal wieder gestrichen werden und auch die Finanzierung des einen verbleibenden Testtages in Cottbus ist aus Eigenmitteln des Vereins nur bis Februar gesichert.


Zu den HIV-Testangeboten in Brandenburg

Text: linius gayBrandenburg.de
Grafiken: screenshot

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